23.06.2021 – Trübe Aussichten: Klima, Fußball und andere Katastrophen


Wolkenbruch, vorgestern. Innerhalb weniger Minuten stand der Garten unter Wasser und die Sintflut staute sich an der Kellertreppe. Auch die Alltagserfahrung jenseits von Klimakatastrophen-Statistiken sagt mir: Da läuft was aus dem Ruder. Ich habe immer ein paar Magnesiumbrausetabletten in einem Schälchen griffbereit stehen, gegen Wadenkrämpfe und um Leitungswasser als Getränk ein bisschen aufzubrizzeln. Die Tabletten befanden sich neulich in Auflösung, schlugen schaumige Blasen. Natürlich verändern die sich bei hoher Luftfeuchtigkeit, werden rauer und klebrig, verändern die Farbe (Sie kennen sicher diese putzigen Urlaubsmitbringsel aus Portugal oder Frankreich, kleine Hähne, die die Farbe ändern, wenn es feuchter wird). Aber Auflösung?
Die Luftfeuchtigkeit lag in der Wohnung bei 81 %. Ein absoluter Rekordwert. Feucht normal ist irgendwas bei 60 Prozent. Trocken schon mal unter 40 %. Eine derart hohe Luftfeuchtigkeit ist gerade im Sommer gesundheitsschädlich, sie reduziert die lebensnotwendige Fähigkeit zu schwitzen und macht das Atmen schwerer, weil der Sauerstoffgehalt der Luft anteilig reduziert ist. Ist halt mehr Wasser drin. Wenn sich solche Ausreißer als Regeltendenz durchsetzen, wird sich das deutlich auf die Sterberate in Pflegeheimen auswirken, zusätzlich zur „klassischen“ Dehydrierung. Wobei die schlimmste Todesursache der politisch gemachte und gewollte Pflegenotstand ist. Das ist Totschlag, exekutiert mit den Mitteln der Legislative auf dem Altar des Profits.
Ich jedenfalls habe mir schon länger meine nur halbzynisch gemeinte Klimakatastrophen-Maxime „Nach mir die Sintflut, ich krieg davon eh nix mehr mit“ von der Backe geputzt. Das veränderte Klima wird sehr wohl noch in meinen gelebten Alltag reingrätschen und nicht erst im Altersheim.
Ich plane ja jetzt schon Urlaube anders als früher, wo ich niemals auf die Idee gekommen wäre im Sommer in den Süden zu fliegen. Motto: „Hier ist doch auch schön“. Bei der nächsten Hitzewelle hierzulande mit 35 Grad und mehr in Serie im Abgasstinkenden Betonmoloch City gäbe es kaum was Feineres als sich z. B. in Porto bei erträglichen 25 Grad die Birne mit Atlantikluft und diversen Vinho verdes zu kühlen.

Porto, Douromündung. Vintageprint 2021, A. S.
Hängt über meinem Arbeitsplatz. Das Geschenk eines Freundes, dem ich, da ich weiß, dass er diesen Blog liest, auch an dieser Stelle noch mal danke für diese unnachahmliche Komposition von Fernweh und Saudade. Und wenn es nur für dieses eine Bild wäre, so hätte sich die Reise gelohnt. Das scheint mir Sinn und unabdingbare Notwendigkeit von Reisen zu sein (neben Vinho verde und Portwein): die Wirklichkeit mit dem anderen Blick, dem der Fremde, zu durchdringen, um dem eigenen Alltag Glanz und Perspektive abzugewinnen. Den Soundtrack dazu liefert Otis Redding.
Passend zu dieser abgrundtiefen Melancholie sind meine Aussichten für heute: Ich habe auf das Ausscheiden der Ostgoten in der Vorrunde gewettet, 7:1, und diese Wette wird heute Abend in den Orkus zertrümmert. Selbst für meine letzte Wett-Haltelinie, das Ausscheiden im Achtelfinale, sehe ich wie für unser Klima: schwarz.

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