30.08.2021 –Wahlbeteiligung reduzieren!


Sozialer Brennpunkt oder malerisch-mediterrane Altstadt?
Im „XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte“ beschreibt Marx das von ihm so genannte Lumpenproletariat näher. Das Lumpenproletariat geht keiner geregelten Lohnarbeit nach und war damit für Marx, der selber keiner geregelten Lohnarbeit nachging, erledigt: kein proletarisches Klassenbewusstsein, unzuverlässig, reaktionär, als Bündnispartner nicht zu gebrauchen, eine Gefahr für die Arbeiterbewegung. Die Aufzählung dessen, was für ihn Lumpenproletariat darstellt, ist allerdings lebendige Literatur und Geschichte zugleich:
„ … zerrüttete Lebeherren mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, verkommene und abenteuerliche Ableger der Bourgeoisie, Vagabunden, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Tagediebe, Taschenspieler, Zuhälter, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler …. „ (und natürlich die Bohème!)
Da kam es für ohnehin Ausgegrenzten und Prekären aus Sicht des Klassenkampfes gleich ganz dicke. Was sich bis heute wie ein roter Faden durch die Wohlfahrtsstaatlichkeit zieht: Der paternalistische Blick auf die „da unten“, die Armen, Prekären, für die man die Lösung ihrer Probleme parat hat, aber bitte ohne deren Beteiligung.
Das mit dem Sieg des Proletariats klappte nicht so recht. Im Staatssozialismus entartete das in die Diktatur einer Kaderelite und im Kapitalismus, also bei „uns“, ließ sich das Proletariat gegen ein paar Wohlstandsbrösel in Form von Urlaub, Auto, Eigenheim ruck zuck das Klassenbewusstsein abkaufen. Bevor Sie, liebe Wählerinnen, sich jetzt fragen, ob ich keinen Frisör hätte, dem ich das erzählen könnte, hier die praktische und traurige Nutzanwendung der Marxschen Analyse, die ebenso erbarmungslos hochfahrend wie gnadenlos richtig ist:
Die soziale Klasse des Lumpenproletariats existiert durch die Zeiten. Große Teile der Nazi-SA rekrutierten sich aus prekären Existenzen und erledigten die Drecksarbeit im Straßenkampf und den SA-Folterkellern zur Durchsetzung des faschistischen Terrors bis 1934.
Heute ballen sich die dergestalt Ausgegrenzten in sogenannten „Sozialen Brennpunkten“: das Dienstleistungs-Prekariat der Botenfahrer, alleinerziehenden Teilzeitbeschäftige in Handel, Gastronomie etc., Erwerbslose, Migrant*innen, Mini-Jobber*innen …. und demnächst auch Literaten und Bohème. Die können sich das Wohnen in den von ihnen kreierten angesagten Kiezen nämlich nicht mehr leisten.
Und hier, in diesen Sozialen Brennpunkten, erzielt die AfD ihre größten Stimmenanteile. Dahinter verbirgt sich die wieder gewachsene Wahlbeteiligung der letzten Jahre. Es gehen die wieder zur Urne, die sich sonst jahrelang enthalten haben, und machen ihr Kreuz bei den Neo-Nazis. Die AfD ist, ähnlich den Nazis, ein Elitenprojekt mit stabiler Verankerung im Lumpenproletariat. Nur nennen wir es heute nicht mehr so. Wir sagen „Andersbegabte“. Oder so.
Das Wahlverhalten ist verständlich, bei der Verachtung, die den ohnehin Abgehängten explizit oder subkutan seitens des Staates, der Gesellschaft, der Gewerkschaften, Verbände, Medien, Bürgertum und Linken entgegenschlägt. Für sie hat sich noch nie was geändert. Ab 01.01.22 gibt es drei Euro Hartz-IV mehr. Dafür diesem Staat die Stange halten? Dann lieber die Standarte der Neo-SA.
Verständlich, aber nicht akzeptabel. Also muss aktuelles Ziel eines antifaschistischen Engagements sein: Wahlbeteiligung reduzieren

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