08.09.2021 – Über Spatzen, Pferdeäpfel und Demonstrationen


Am Rande der Unteilbar-Demo vom 04.09.21.
Spatzen, Ältere und Landbevölkerung kennen das Bild, picken gerne unverdaute Haferkörner aus Pferdeäpfeln. Ähnliches Verhalten ist auch auf jeder größeren Demo zu beobachten, wo jede Menge Spinner*innen die Gelegenheit nutzen, am Rande der Demo oder mitten drin, ihre Botschaft unters Volk zu bringen. Sonst hört ihnen ja keine zu. Sie nähren sich am größeren Organismus. Das verleiht dem Geschehen eine durchaus unterhaltsame Note.
Jede Demo ist eine Inszenierung, ein Gesamtkunstwerk. Die Parallelen zum bürgerlichen Kunstwerk sind offensichtlich: Jede Demo ist ein Unikat, einmalig und in der Form nie wiederholbar. Es bedarf zu ihrer Inszenierung Kreativität, im Gegenzug setzt sie diese aber auch frei. Die besten Ideen und Impulse kriege ich auf Demos.
Im Akt der Konsumtion einer Demonstration und eines bürgerlichen Kunstwerkes wechseln sich Momente der Kontemplation und der Anspannung ab, Genuss und Einsicht, Erkenntnis und Entspannung, das sind Pole, die Beiden gleich sind. Beide sind Errungenschaften der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und ihre zivilisatorische Bedeutung ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Beide haben maßgeblich zu dem beigetragen, was zwingende Voraussetzung für unsere heutige Existenz als konsumfreudige Citoyens ist (wenn wir es uns denn leisten können): Bürgerliche Öffentlichkeit als Möglichkeit von Erfahrung und Entfaltung. Früher blieben Kunstwerke dem Feudalherren vorbehalten und Demonstrationen gab es nicht, sie fanden, wenn überhaupt, im Riot, im Aufstand des Plebs, statt, oder als revolutionärer Akt wie Bauernaufstände.
Beiden, Demonstration und bürgerliches Kunstwerk, ist also das gemein, was Walter Benjamin als Aura beschrieben hat: Ein flirrendes, transzendentes Wesen der Einmaligkeit, nicht reproduzierbar, das die Betrachtenden und Teilnehmenden in ihren Bann schlägt (auf die Vergleiche sind sicher schon andere gekommen, aber das recherchiere ich jetzt nicht, werd ja nicht bezahlt für das hier). Ein Rest Magie in Zeiten rasend rotierender Moderne.
Ich merke das, wenn ich mich dem Ort einer Demonstration nähere. Die Atmosphäre wird spürbar anders, bunter, je näher man kommt, lebendiger, lauter, mitunter macht sich eine gewisse Erregung bemerkbar. Wer eher Demo-inaffin ist, möge sich an das Geschehen vor und bei Konzerten erinnern, siehe auch Theater, Urlaubsorte …

Demo umme Ecke. Die Botschaft dieses Individuums auf dem Zettel rechts unten war so wirr, dass selbst ich als Experte für Allerschrägstes und Verpeiltes keinen Sinn erkennen konnte.
War die Demo ein Erfolg? Ich weiß es nicht, es ist mir auch ziemlich egal. Es war bunt, lebendig, lehrreich, erfahrungsgesättigt, anstrengend, eher Teil der Lösung als des Problems und am Ende der Demo in der Briefmarken-Weinbar an der Karl-Marx-Allee habe ich einen excellenten Weißen verklappt. Das Leben, die Politik und die Kunst finden nicht im Saale statt, sondern im Leben.
So weit das Motto der heutigen Predigt, liebe Gemeinde

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