04.10.2021 – Mein nächster Job ist Reiseführer


Gruppenbild mit Damen. Reiseführer mit Frauengruppe. Es war gen Mittag, wie an den Schatten unschwer erkennbar, als ich von den Westküsten-Bergen Korfus hinab dem Strand entgegenschritt und auf diese Gruppe stieß. Das Zahlenverhältnis Frauen-Mann von 12:1 weckte in mir stante pede den Wunsch: Mein nächster Job ist Reiseführer.
Mittelmäßig unauffällig robbte ich mich an die Gruppe heran, heuchelte Panorameninteresse und sondierte das Setting. Der Reiseführer war breitschultrig, muskulös, von angenehmem Äußeren mit wohlklingender Stimme und wusste Interessantes zu berichten, wie unter anderem vor 50 Jahren die ersten Hippies Korfu entdeckten und damit als Trüffelschweine (das ist meine Formulierung! Soo brillant war der Man auch wieder nicht) dem Individualtourismus an der Westcoast den Boden bereiteten. Und wie vor Jahren noch Lastwagenweise Sand von den Stränden für den Hochbau geklaut wurde und die damit immer mehr schrumpften. Ein weltweites Phänomen. Die Bandenkriege zwischen Baumafia und Tourismusmafia würden mich echt mal interessieren.
Wie auch immer: Die Mädels himmelten ihn an. Selbst für mich fiel noch der eine oder andere Seitenblick ab. Kein Wunder, bei dem Zahlenverhältnis. Beim weiteren Abstieg fiel mir ein: Reiseführer bin ich doch auch schon gewesen. Es gibt eigentlich wenig, womit ich nicht schon mal Taler verdient hätte. Reiseführer bei einem Bildungsträger für EU-Programme, in dem Fall zu unserem dualen Bildungssystem. Also Ausbildung an zwei Orten, Berufsschule und Betrieb. Ein Referenzmodell für Europa, dem wir nicht zuletzt unseren immer noch überlegenen Facharbeiter*innen-Ausbildungsstandard verdanken. Ich hacke ja gerne und lange auf unserer Gesellschaft rum, aber das hat schon seinen Grund, warum der Rest Europas sich früher am dualen System orientiert hat. Das gab’s woanders kaum. Wie das heute ist, weiß ich nicht, ist mir auch wumpe.
Ich weiß nur noch, dass der Job die Hölle war. Spätestens am dritten Tag des Programms, wenn die Gruppe ihre Identität hatte, führten sich selbst Vollakademiker in Führungspositionen ihres Landes auf wie eine Sextanergruppe. Außerdem waren bei ca. 20 Leuten immer zwei, drei Alkis dabei, die mittags schon einen in der Kiste hatten und chronisch zu spät kamen, wofür ich sie am liebsten hätte Strafexerzieren lassen, weil irgendwo steht immer ein wartender Buss mit laufendem Motor. Ohne Mikro komme selbst ich mit relativ lauter Stimme in der Öffentlichkeit bei einer Gruppe ab 20 Personen an Grenzen, was enorm anstrengend ist.
Der Horror waren gesellige Beisammensein am Abend. Bei so einer Gruppe kommt immer irgendein Vollhonk auf die Idee der Völkerverbindenden Musik. Jede*r ein Lied aus dem Heimatland! Was für ein aphones Gejaule. Und jedes Vorurteil wurde bestätigt: Ich kriege heute noch Depressionen, wenn ich die schwermütigen Finnen visualisiere, mit ihrem trostlosen Singsang. Die Iren wollten nie aufhören mit Singen. Einziger Lichtblick war der Franzose, der nach kurzer Zeit immer so brettlbreit war, dass er noch nicht mal mehr singen konnte. Mir fiel nur „Hänschen klein“ ein und „Avanti Popolo“.
Die Hölle auf Erden war ein Luftkurort dagegen.
Ich hielt im Wandern inne, warf einen Blick auf unseren korfiotischen Reiseführer und dachte mitleidsvoll: Du arme Sau.

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