14.10.2021 – Im elftcoolsten Stadtviertel der Welt


Sonnenflecken. Körnerpark, Neukölln.
Kürzlich wurden die 50 coolsten Stadtviertel der Welt gekürt. Einziges aus Deutschland auf Platz 11: Berlin-Neukölln. Mit dem expliziten Hinweis, ein idealer Tag in diesem coolen, multikulturellen Kiez würde gekrönt durch einen Spaziergang vom Körnerpark zum Tempelhofer Feld
Auf dass die Jugend der Welt noch häufiger nach Neukölln kommen, nächtens die Bürgersteige vollkotzen möge und die Mietpreisexplosionen wegen schicker Gegend die Ureinwohnerinnen vertreibe. In Neukölln gibt es das einzige Zwei-Sterne-Restaurant der Welt, das ausschließlich Desserts serviert.
Direkt um die Ecke war eine der letzten Räumungen eines besetzten Hauses, Friedel 54. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ich war bei der Räumung dabei, hab mich aber altersgemäß verzogen, als es brenzlig wurde.
Natürlich ist Neukölln mittlerweile völlig out, wie alles, was in irgendwelchen bescheuerten Rankings auftaucht. Selbst der Wedding ist nicht mehr der heißeste Scheiß. Wenn Sie mich fragen, was richtig cool ist: Marzahn.
Nett ist es trotzdem im Körnerpark, die dortige Galerie macht ein feines Ausstellungsprogramm und Touris verirren sich komischerweise selten dahin. Bleibt die Frage: Wo soll das alles enden? Das Elend der Obdachlosen wird immer offensichtlicher, es werden immer mehr. Und die selbstkritische Frage muss immer im Hinterkopf bleiben: Wieweit bin ich selbst Teil dieses Verdrängungsprozesses. Ich gehe zum Beispiel auch gerne gut essen, jedenfalls lieber als an den Millionen Dönerbuden der Karl-Marx-Straße.

Wo die allerdings hinführt, wissen wir ja. Direkt nach Moskau. Diese Plakatgegenüberstellung stammt aus der famosen Ausstellung „Documenta. Politik und Kunst“ im DHM in Berlin
Dort wird deutlich, dass der Gründungsmythos der documenta von Nazis durchseucht war. Das Odium des vermeintlich Aufklärerischen, Rebellischen kriegte sie erst viele Jahre später, zu Unrecht. Kein Mensch thematisierte in den Gründungsjahren, dass Documenta-Oberguru Haftmann beinharter Nazi war und blieb, dass jüdische Künstler*innen nicht ausgestellt wurden, Frauen nicht stattfanden und fast ausschließlich abstrakte Kunst präsentiert wurde – Abstraktion ist Flucht aus dem konkreten, ergo Beliebigkeit & Feigheit. Späterhin blamierte sich die Documenta mit einer weitgehenden Missachtung der DDR-Kunst. All das wird excellent mit zahlreichen Documenta-Werken im DMH dokumentiert. Wer sich nächstes Jahr nach Kassel auf den Weg macht, wird das, was dort passiert, nur halb verstehen ohne Kenntnis dieser Ausstellung.

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