08.11.2021 – Wir waren die zweitkleinste aller Parteien


HAZ, 26.09.1991, zu den damaligen Kommunalwahlen. Der Artikel fiel mir unlängst beim Ausmisten in die Hände und rührte mich aus mehreren Gründen. In ihm wird dokumentiert, dass unsere famose Partei SCHUPPEN 68 nicht nur die erste Satirepartei der Welt war, sondern sogar eine Realsatirepartei. Damals war der Begriff Realsatire noch nicht Phrasenkontaminiert, es ist sogar möglich, dass ich ihn erfunden habe. Die Protagonist*innen von „Die Partei“, die heute unter dem Siegel Satirepartei segeln, waren damals noch nicht mal geboren. Sie gehören als teils gescheiterte Existenzen in Hannover übrigens zu den korruptesten Pöstchenjägern überhaupt. O tempora o mores.
Soweit so nachgetreten. Wichtiger ist die Frage, die sich mir stellt: war das, was ich damals gegenüber der Bürgerpresse abgesondert habe, eigentlich ernstgemeint, Realsatire oder hatte ich einfach nur zu viel gekifft? Ich fürchte fast, ernstgemeint. „Stadtteilorientiert“, wenn ich das nur lese, kriege ich die Krätze: Spießeralarm. „Alternatives Spektrum“: alternativer Spießeralarm. „Ablehnung der EXPO“: linker Spießeralarm. Abgesehen von der Forderung nach preiswertem Wohnraum und dem Erhalt des Kleingewerbes auf dem hiesigen Kiezboulevard steht da an politischer Haltung und gesellschaftlichem Habitus nichts, auf das ich sonderlich stolz wäre. Außer der Tatsache, dass sich danach im Laufe der Jahrhunderte gemäß dem Diktum „Der Kopf ist rund, damit die Gedanken auch mal ihre Richtung ändern können“ bei mir einige Sichtweisen geändert haben. Heute schreibe ich auch in diesem Blog vehement gegen kitschige Kiezmentalitäten, rührseliges Alternativentum und anderen reaktionären Stadtteil-Klimbim an. Diese Mentalitäten haben ihre Quellen in genau jenem Gedankengut, das aus dem Artikel spricht. Natürlich ist der Mann von Welt, und die Frau sowieso, heutzutage nicht mehr stadtteilorientiert, sondern kosmopolitisch. Der Begriff „alternativ“ gehört ebenso wie „Realsatire“ in die Sprachsondermülltonne und „Ablehnung der Expo“ in die Kategorie Rohrkrepierer (Linkes Motto aus dem Widerstand damals: „Expo, wir lieben Dich brennend.“ Mit einem Molly-Bild versehen.)
Die Expo war damals, jenseits aller linken und alternativen Befürchtungen, nichts weiter als eine enorme Förderung des hiesigen ÖPNV, das S-Bahnnetz geht darauf zurück, eine Wohnraumbeschaffungsmaßnahme mit ökologischen Projekten, siehe Kronsberg-Viertel, und ansonsten eine gigantische faszinierende Party. Wo sonst hätte ich in dem Umfang georgische Weine, armenische Cognacs, libanesische Spezereien und Tanzcombos aus aller Frauen Länder kennen lernen können?
Ich schätze mal, dass der überwiegende Teil meiner Bekannten nicht ein einziges Mal auf der Expo war, aber trotz dieser spektakulären Unkenntnis bis heute behauptet: Die Expo war Scheiße.
Das ist die Essenz von Spießertum: Getreu dem Motto „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ sich vorsichtshalber auf nichts einlassen, was das eigene Ressentiment auch nur ankratzen könnte.
Für Euch aber, die Ihr nachgeboren seid, noch dieses zum Artikel: GABL sind heute die Grünen, die Nazis waren damals genauso drauf wie heute, nur viel, viel weniger, die Linke Liste gibt’s nicht mehr, der hat SCHUPPEN 68 den Garaus gemacht. Und wir waren die zweitkleinste aller Parteien. Bei aller berechtigten Selbstkritik: Ein feines Projekt. Ich bin geschüttelt.
Sie wissen schon, James Bond: Geschüttelt, nicht gerührt!

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