21.11.2021 – Welches Lied von Udo Jürgens ist hier im Foto visualisiert?


Die Lösung gibt es am Ende dieses Eintrags. Hinweis: Es ist nicht „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“.
Bewusste politische Willensbildung spielt sich in mehreren Sphären ab, die sich überlagern können: Beispiel Theorie. Lesen. Dürfte an Tiefenwirkung den schwächsten Einfluss haben. Wenn ich an die ganzen linken Buchhandlungen früherer Jahre denke und was da an Bewusstsein oder gar politischer Praxis von übriggeblieben ist, bleibt das Fazit: Lesen wird überschätzt. Oder um es mit dem Altmeister zu sagen: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie“.
Der Vers, den Mephistopheles in Fausts Studierstube zu einem Schüler spricht, geht wie folgt weiter: „ … und grün des Lebens goldner Baum“. Also Leben. Praxis. Heißt in unserem Fall politischer Willensbildung: Organisation in Parteien und Verbänden. Eine außerordentlich mühselige, ritualisierte Form der Willensbildung, aber unbedingt nachhaltig. Wer sich das mal angetan hat, so wie ich in Gewerkschaften, vergisst das nie wieder, erwirbt eine geradezu stalinistische Zweikampfhärte in Konflikten und weiß trotz aller Widrigkeiten um die Notwendigkeit von solcher Form der Organisation und Willensbildung. Wer in der Studierstube sitzt oder sich mit Wattebällchen bewirft, verändert gesellschaftlich nichts.
Je mehr das Parteien-Modell und die Mitgliedschaft in Verbänden wie Gewerkschaften ausstirbt, desto schmerzlicher wird diese Lücke, wie ein einziger Blick in das derzeit vorherrschende gesellschaftliche Bewusstsein beweist, das von wachsender faschistoider Paranoia, erbarmungslosem Egoismus und grenzenloser Empathielosigkeit geprägt ist. Ein gleichwertiger Ersatz für das absterbende Modell ist nicht in Sicht und das führt uns zur dritten Sphäre der bewussten politischen Willensbildung: Basisorganisationen, Selbstorganisation.
Bürgerinitiativen, NGOs, Kampagnenorientierungen wie Fridays for future. Feine Sache, mache ich seit Jahrzehnten, weil es meinem Theoriemodell von Staat und Gesellschaft und meinem Anspruch an politische Praxis in Verbindung mit mir notwendigen hedonistischen Momenten am nächsten kommt. Aaber: dieser Sphäre fehlt es an Zähigkeit, kollektiver Durchsetzungsfähigkeit und sie droht zu einem – unterschätzten – Kollateralschaden der aktuellen Seuchensituation zu werden. Aus mindestens zwei Gründen:
Ihre lose Organisationsform droht durch mangelnde lebendige Präsenzkontakte auszutrocknen. Zoom ist kein Ersatz für den goldenen Baum des Lebens. Da droht etwas abzusterben. Sehen wir ja auch an Kulturveranstaltungen. Geht doch auch ohne. Gerade für Ältere. Zwei ausgefallene Konzerte in letzter Zeit für mich – schade, aber kein Drama. Geht doch auch ohne. Ich hoffe, ich täusche mich in dieser dystopischen Sicht, aber Verluste werden bleiben.
Viel schlimmer aber finde ich die Spaltung durch Einstellungen zu Corona, hie die Vernunftbegabten, da die Verschwörungsideologen und Relativierer, bis weit in linke Kreise, siehe Wagenknecht. Das zerreißt ganze Basisorganisationen, wie ich in der eigenen Praxis gerade erfahre. Wo auf einmal ehedem vernunftbegabte, sympathische Menschen mit der Vorstellung um die Ecke kommen, der Staat würde Masken als Nazi-Unterdrückungsinstrument einsetzen, um die Bürger*innen zu Untertanen zu degradieren, Motto: Die Maske ist der Geßler Hut des 21. Jahrhunderts. Da ist jede Diskussion sinnlos und das zerlegt in der praktischen Hygienearbeit jede Gruppe.
Auf die Untersuchungen zur langfristigen Auswirkung der Pandemie auf Basisorientierte Selbstorganisationsformen bin ich gespannt. Was bleibt da übrig, wenn sich der Kanonendonner der Seuche gelegt hat?
Ach ja. Das Lied im Foto oben. Es handelt sich um „Immer wieder geht die Tonne auf.“

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