15.02.2022 – Lockerungen


Auch die Natur macht sich locker. Erste grüne Rosentriebe im Garten. Hätte ich das mit meiner alten Handycamera aufgenommen, hätte das gesamte Bild ausgesehen wie von Gerhard Richter gemalt, nur verschwommen. Wenn dieses Bild dann auch den Preis eines Gepinsels von Richter erzielen würde, geschätzte 20 Millionen, würde ich mein altes Handy feiern und pflegen bis in alle Ewigkeit. So aber: Es lebe der Fortschritt.
Fortschritt und Lockerungen auf allen Ebenen. Der Russe blufft wohl nur, um den Preis nach oben zu treiben. Also kein Krieg. Und ab 20. März fallen alle Hemmungen, respektive „tiefgreifende Seuchen-Schutzmaßnahmen“. Das bedeutet, wir können jetzt schon für die sechste (?, ich komm mit zählen nicht mehr ganz nach) Welle ab November planen, wenn keine flächendeckende Impfpflicht für alle (ab 18 und gesundheitlich nicht dadurch gefährdet) eingeführt wird. Die Botschaft, die bei den Gebeutelten im Lande ankommt, ist: Alles wird gut. Und so werden sich viele auch verhalten. Eigenverantwortung Fehlanzeige. Die Impfbereitschaft hat bereits nachgelassen, die Impfquote ist nach wie vor zu niedrig, gerade in sozialen Brennpunkten rührt sich viel zu wenig, und der Mob auf den Spaziergängen gewinnt Oberhand.
In diesem Jahr finden vier Landtagswahlen statt, weit mehr als ein Drittel aller Deutschen ist wahlberechtigt. Das Risiko, bei den Wahlen als Corona-Beschränkungs-Hardliner auf den Pinsel zu fliegen, geht keine Verantwortliche ein. Also planen wir die wiedergewonnene Freiheit. Reisen, Reisen, über alles, die TUI Aktie hat in der letzten Woche um 8 Prozent zugelegt.
Wenn die allgemeine Impfpflicht nicht beschlossen wird, geplant ist vor Ostern, würde ich für den kommenden Winter erstmal keine Reisepläne machen, weil sich die Situation dann wahrscheinlich (!) ähnlich darstellen wird wie bisher. Die Alternative: Urlaub im eigenen Land.
Nein Danke. Nicht auch noch im Urlaub unter die Deutschen. Und im Januar bei eiskaltem Nordwind an der Nordsee spazieren? Nach Ihnen.
Abgesehen von meinen individuell anders gelagerten Bedürfnissen würde ich eine Tendenz zu Urlaub im eigenen Land auch für kontraproduktiv halten. Reisen ins Ausland bildet, politisch, ästhetisch, es trägt zur Völkerverständigung bei, erweitert Horizonte. Bliebe der gemeine Deutsche nun auch noch im Urlaub vor der eigenen Hütte, würde er noch vernagelter, beschränkter und mit Scheuklappen behaftet als eh schon.
Ich schätze die Funktion von Mobilität ähnlich wie die der Globalisierung ein, beide verbinden, machen voneinander abhängig. Ein viel diskutierter Trend, Fertigung und Lieferketten ins eigene Land zurück zu verlagern, würde das Leben hierzulande für den deutschen Proleten nicht nur maßlos verteuern und für noch mehr Verelendung in den bisherigen Produktionsstandorten sorgen, sondern den ohnehin immer unsäglicher werdenden Hang zum Nationalismus verstärken. Gäbe es wirtschaftliche Verflechtungen und Abhängigkeiten nicht, wären wir viel eher geneigt, unserem Nachbarn aufs Haupt zu schlagen.
Einer meiner ersten Rechner war ein zu Teilen in Deutschland gefertigter Siemens-Nixdorf. Sowas würde unter aktuellen Bedingungen wahrscheinlich über 10.000 Euro pro Exemplar kosten, eine Art Handgefertigtes Unikat. Wohl dem, der dann so wie ich einen geschätzten Bruder hat, der sowas kann. Der Rest wieder zurück an die Schreibmaschine und den Rechenschieber.
Ja, aber die böse, böse Ökobilanz von Globalisierung und Mobilität? Da geb Ihnen recht, liebe Leserinnen, sieht finster aus. Wir dürfen wählen, zwischen Teufel und Beelzebub, zwischen Scylla und Charybdis, zwischen Furz und Feuerstein.
Und nun zum Wetter für Morgen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert