09.04.2022 – Den Blick weiten


Panoramafoto. Bucht von Porto Soller. Ein Panoramafoto weitet den Blick, wirkt aber oft auch verzerrt. Ich halte den Panoramablick für eine Möglichkeit zur Schulung der Wahrnehmung. Ästhetische Prinzipien lassen sich durchaus in den Alltag transferieren, oft sind sie grundsätzlicher Natur. Bei künstlerischer Gestaltung oder Wahrnehmung lassen wir uns unbewusst von Naturgesetzähnlichen Regeln leiten, wie dem Goldenen Schnitt.
Eine Leistung von zeitgenössischer Kunst kann sein, klassische Regeln der Harmonie zu durchbrechen und so unsere Wahrnehmung und Kritikfähigkeit zu schärfen, den Blick zu weiten. Was auch im Alltag nützlich sein kann. Das kann dann der Moment sein, wo ästhetische in politische Bildung umschlägt.
Weiten wir mal unseren Blick, was das Tagesgeschehen angeht. Allenthalben Solidarität mit den ukrainischen Flüchtlingen und Abscheu gegenüber den russischen Aggressoren. Völlig zu Recht. Ohne Wenn und Aber und das geht nicht nur gegen Putin, sondern gegen die Killersoldateska, die in der Ukraine Massenmorde begeht. Dafür trägt jeder einzelne beteiligte Soldat die Verantwortung und gehört vor einen internationalen Gerichtshof. Und die Abscheu gilt auch jenen über 80 Prozent der Russen, die den Krieg befürworten, und jenen Russlanddeutschen, die hier mit bescheuerten Autokorsos die Öffentlichkeit verpesten. Auf die Anwesenheit solcher „Volksgenossen“ kann ich gerne verzichten.
Blick weiten: Ukrainische Flüchtlinge erhalten ab Juni Hartz-IV und damit vollen Zugang zur Arbeitsmarktintegration. Zu Recht.
Flüchtlinge aus anderen Ländern, „Kulturkreisen“, wie Syrien und Afghanistan, erhalten das nicht, obwohl die Notlagen vergleichbar sind. Sie unterliegen dem Asylbewerberleistungsgesetz, mit zahlreichen Einschränkungen.
Das ist eurozentrischer Rassismus. Jener Kitt, der die Mauern um Europa zusammenhält, an denen jährlich Tausende sterben, bei dem Versuch, sie zu überwinden. Jedes Jahr ein Vielfaches der Toten, die während der gesamten Existenz des „Eisernen Vorhangs“ von 1948 bis 1989 ihr Leben ließen, beim Versuch in die Freiheit zu fliehen.
Es ist jetzt schon abzusehen, dass sich Migrationsbewegungen verstärken werden: Armut und Hunger nehmen weltweit wieder zu, Klimakatastrophe, Kriege, failed States, Inflation, Rezession, Corona und andere Seuchen, der Ursachen werden nicht weniger. Und es braucht nur wenig Phantasie, sich vorzustellen, wer hierzulande von diesem Problem des Migrationsdrucks profitieren wird, wenn sich bei uns die Krisen verschärfen. Die nächste Rezession (und Seuche) kommt, so sicher wie der Apfel nach unten fällt. Für die Prognose braucht es noch nicht mal den Panoramablick.
Die Funktion hat Ihr Handy, liebe Leserinnen, auch. Irgendwo in Ihrer Kamera wird Ihnen die Option „Mehr“ angeboten, da isses dann. Für Wanderungen bei Weitsicht, auf Aussichtsplattformen ein nettes Spielzeug. Aber nicht nur das. Sonniges Wochenende

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