12.04.2022 – Was ist schon normal?


Hagelschauer letzte Woche. Blieb Zentimeterhoch auf der Veranda liegen. So glatt, dass ich mich beinahe auf die Schnauze gelegt hätte. In dem Fall geht das als früher normales Aprilwetter durch, aber ansonsten ähnelt das Wetter der Gesellschaft: Geht immer mehr aus den Fugen. Gestern Abend Essen mit Kolleg*innen in der City. Analog, live, das erste Mal seit …? Wie sehr gerade die dienstliche Gesprächskultur eine andere ist, wenn man sich live gegenübersitzt, realisiert man erst, wenn man es erfährt. Sofort stand der Wunsch im Raum (was von der Visualisierung her schön ist) nach einem Folgetermin.
Draußen eine Demo. Früher konnte ich von weitem auf den ersten Blick erkennen, was für eine Ausrichtung eine Demo hat. Gestern fiel es mir schwer, eine bunte Peacefahne lockte mich auf die falsche Fährte. Danach eine Deutschlandfahne. Den Rest Klarheit gab mir der flatternde Schmierlappen der sogenannten „Freien Linken“, eine Ansammlung von vorgeblich linken Coronaschwurblerinnen, nicht ganz so schräg wie die Antisemiten-Gang von „Die Basis“, aber auch eher ein Fall für die Couch als für die Öffentlichkeit. Es war Montag und die medikamentös falsch Eingestellten hatten wieder Ausgang. Montagsdemos, auf ewig kontaminiert mit Nazideologie, was die Impfdeppen aber offensichtlich nicht stört, sondern sogar befeuert.
Natürlich ging unsere Diskussion bei Scallopine al limone dann auch um den Umgang mit solchen Zeitgenossinnen. Mein Vorschlag war nicht mehrheitsfähig: Von der Straße kärchern. Allgemeiner Therapeutenkonsens der mehrheitlich Sozialwissenschaften studiert Habenden und im Besitz diverser Moderations- und Mediationsausbildungen Seienden: Bei Diskussionen Coronaleugnerinnen nicht in die Ecke drängen, ihnen Raum lassen, Argumente sacken lassen.
So die Sozialarbeiter-Richtung früher: Nazis Räume zur Verfügung stellen und sie da abholen, wo sie sind.
Aus den Sozialarbeiterräumen in Jugendzentren für jugendliche Nazis (in Brennpunkten) sind mittlerweile national befreite Zonen, vorwiegend in der Ostzone aber nicht nur da, geworden. Mit Nazis führt man keine Diskurse, sie sind mit allen Mitteln der gesellschaftlichen Ächtung und staatlichen Repressionen zu bekämpfen. Und wer nach über zwei Jahren Argumenten und wissenschaftlichen Erkenntnissen (es gibt kaum eine Krankheit und Seuche, die besser erforscht ist inklusive der Impfstoffe als Corona), immer noch Impfverweigerer ist, der hat eine bewusste, nicht zu revidierende Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, die Menschen in Altersheimen und Angehörigen von vulnerablen Gruppen das Leben kostet. Allein in Niedersachsen laufen noch fast 15.000 Menschen, die in der Gesundheitsbranche arbeiten, ungeimpft rum. Tickende Zeitbomben.
Welche Räume soll man solchen Leuten lassen?
Es gibt kaum Schöneres als Kolleginnen, Freunde, Kumpels, was auch immer, live zu treffen, der Abend war ein ganz feiner und ich freue mich schon auf das gemeinsame Grillen bei mir im Garten. Aber eins hab ich gestern wieder gemerkt: Ich bin kein Sozialarbeiter, war keiner und werde auch keiner mehr werden. Normal? Bin ich noch normal?
Ich hoffe nicht.

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