26.04.2022 – 70 Prozent Rabatt


70 Prozent Rabatt bei Kaufhof. Mein nachösterliches Paradies. Ginge es gerecht auf der Welt zu, müsste ich auf Grund meines Süßigkeiten-Konsums so rund sein, dass ich zum Bahnhofe gerollt werden kann. Göttinseidank geht es aber nicht gerecht zu und ich passe nach wie vor in meinen Kommunionsanzug. Fast.
Kaufhäuser in den Innenstädten erinnern mich an gestrandete Wale, unförmig liegen sie da, unfähig sich zu retten, fast meint man, ihr verendendes Stöhnen zu hören. Mit ihnen geht eine glorreiche Ära eines massenhaften Konsums zu Ende, der einherging mit analoger Begegnung, ergo Ausweitung von Öffentlichkeit und damit auch Demokratie. Ein Erlebnis und Fest für Flaneure nach wie vor sind Kathedralen des Konsums wie das KaDeWe oder die Galeries Lafayette in Berlin. Letzter Glanz und Aufbäumen einer faszinierenden Epoche. Jetzt haben wir Amazon.
Im Kaufhof war es öd und leer, riesige Tische und Ständer voll mit österlich Übriggebliebenem zu 70 Prozent Rabatt zeugen von einer gigantischen Einkaufsfehlkalkulation. Nächste Woche bin ich wieder da, vielleicht gibt es dann 90 Prozent.
Ostern, Fest des Friedens und der Hoffnung, wurde von orthodoxen Paffen, die immer so aussehen, als wollten sie zur nächsten Tuntenparade, genutzt zur chauvinistischen Kriegshetze. Begründet wird dieser blutrünstige Geifer mit den üblichen antizivilisatorischen Hassgesängen gegen die Dekadenz westlicher Moderne, Beispiel: Schwulenparaden. Haben die Pfaffen keinen Spiegel Zuhause? Um zu verhindern, dass Schwulenparaden oder gar Genderwahn bei Mütterchen Russland stattfindet, muss in den Augen dieser Geistestalibane das Blut tausender Unschuldiger fließen. Purer Faschismus.
Langsam kam nach Ostern auch die hiesige Bürgerpresse auf den Trichter, die Ursache für die flächendeckende Unterstützung im eigenen Land der russischen Aggression auch da zu suchen, wo sie mit herkommt, nämlich aus der Tiefe dieses religiösen Wahns, und schmähte den russischen Oberpopen Kyrill als nicht Ökumene fähige Schande. Nun ist das dem Weltbürger eher Wumpe, ob eine Krähe der anderen und ein Kardinal dem Popen (im Peter Hacks-Original: Mullah) kein Auge aushackt.
Ärgerlich nur, dass diese Kritik, wie alle bürgerliche, zu kurz springt. Subsummiert sie doch andere orthodoxe Aberglaubensfraktionen in anderen Nationen, die dem russisch-völkischen Wahn nicht folgten, eher unter die Guten. Das verkennt nun völlig die Struktur dieser byzantinischen Bizzarerie. Die ist von Grund auf irrational, antimodern und völkisch. Und so werden in jeder von der Orthodoxie verseuchten Nation die eigenen Waffen gesegnet, der Feind aus der anderen Nation verteufelt, grundsätzlich alle Schwulen und Frauen verachtet und gehasst.
Nur weil der Russe jetzt zu Recht ein von allen geächteter Gegner ist, wird der Rest in Osteuropa doch nicht zur Lichtgestalt.
Ich frage mich immer öfter, ob ich in einem Irrenhaus bin. Kein Wunder, dass es mich auf die Pfade der Flaneure treibt, dem flüchtigen Vergessen entgegen. Brüder und Schwestern, zur Sonne, zur Freiheit? Von wegen.
Auf ins Lafayette.

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