05.05.2022 – Der der Normalität entwöhnte Blick


Der Chip-Körper. Demo Berlin.
Dass einem in Berlin alle Naslang unnormales vor die Augen kommt, ist völlig normal. Das ist mitunter bedrückend, wenn es sich um Elend handelt, das es hier geballter, offener und brutaler gibt als im Rest der Republik. Meist aber ist es skurril, lächerlich, erhaben, immer aber anregend bis lehrreich. Die Welt ist eben anders als im eigenen Kopf, vom eigenen Spießerkiez mal ganz zu schweigen.
Das Thema „Chip im Körper“ ist in den Wahnwelten gepeinigter Wesen nicht neu, hat aber durch Corona neue, enorme Schubkraft gewonnen. Keine Schwurblerdemo ohne den Hinweis auf die Mikrochips im Impfstoff, die uns unfruchtbar machen sollen im Auftrag der Merkel-Echse (Wo doch Scholz viel echsiger ist, seine Scholzomaten-Visage erinnert mich immer an meine Lieblingsechse, den Scheltopusik) .
Ach, wenn es doch nur so wäre mit dem unfruchtbar.
Ich weiß nicht genau, wo die inhärente Logik, die Kausalität liegt zwischen dem tendenziellen Fall der Profitrate (das Kapital macht auf Grund seiner inneren Gesetzmäßigkeit kontinuierlich weniger Reibach) und dem der Größe von Mikrochips. Also wie genau je mehr Digitalisierung, desto weniger Profit bei der Kapitalseite. Man darf sich dabei nicht blenden lassen durch den extremen Reichtum der paar Tech-Titanen wie Fuckerberg, Bezos, Gates, Musk. Diese Oligopole sind nicht die Regel, nicht die Masse. Tatsache ist, dass jede neue Produktionsform, wie industrielle oder digitale Revolution, eigene Gesetzmäßigkeiten produziert, was Profit, Beschäftigung, Demokratie, Konsum, aber auch Bewusstsein, Körper und Krankheiten angeht. Die wachsende Mobilität z. B. im 19. Jahrhundert mit der als rasend wahrgenommenen Geschwindigkeit des neuen Transportmittels Eisenbahn (weit über 20 kmh!) hatte natürlich Auswirkungen auf die Individuen und für Fortschrittsgegner war klar: Bahnreisen sind lebensgefährlich wegen der extremen Geschwindigkeit und allein der Anblick macht krank, verrückt, hysterisch. Hysterie war noch zu Freuds Zeiten eine beliebte Diagnose, bei Frauen. Diagnose war Männersache damals. Dass die Diagnostiker selber meist viel mehr Latten am Zaun locker hatten, war eine späte, eher feministische Erkenntnis.
Die schrumpfende Größe von Mikrochips, bei denen sowieso kaum jemand weiß, wie sie aussehen und funktionieren, und ihre rasend wachsende Leistungsfähigkeit hat natürlich auch Auswirkungen auf die Individuen, ihre Phantasien und Pathologien. Was ich nicht erkenne, begreife ich nicht, das ist bedrohlich. Der Mikrochip ist eine ideale Projektionsfläche für Menschen, die vom rasenden Wandel erschöpft, überfordert, bedroht sind. Solche Bilder wie oben, der Normalität entwöhnt, sind kein Einzelfall, und tauchen zwangsläufig gehäuft bei Schwurblerdemos auf.
Die Frage ist für mich, wie man sich dem Wandel gestaltend nähert und gewinnbringend integriert in den Alltag.
Hört sich toll an, bringt mich aber xmal am Tag auf die Palme. Auf den mir bekannten Bahnsteigen im Berliner Hauptbahnhof gibt es z. B. keinen Wagenstandanzeiger (Wer hat sich das Wort ausgedacht?) in Papier mehr. Also musste ich mir noch eine verf…. App runterholen.
Und was machen die 50 Prozent aller über 65jährigen, die kein Smartphone nutzen?
Unnormal-heiteres zum Schluss, aus dem Bergmann-Kiez in Kreuzberg

Ich hab das Dreier-Set genommen.

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