07.05.2022 – Die Farbe Rot


U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, Berlin. Dieses Foto fällt in meinem Ordner selbst in der Miniaturansicht unter Hundertern sofort ins Auge. Live ist das eine regelrechte Augen- und Mentalitätsattacke, wenn man aus dem überaus gediegenen, von Stuckverzierten Altbauten geprägten Güntzelkiez und Bayrisches Viertel tritt und auf diese U-Bahnstation schaut. Popart pur. Das Rot ist so rot, dass der Bildschirm Schwierigkeiten in der Verarbeitung hat. Flimmern und Schlieren. Noch heute, im Zeitalter digitaler Bildwelten, gilt für TV-Kameras: Kleine Karos und Rot vermeiden. Kriegt man als erstes für längere Auftritte im TV ans Herz gelegt: Keine kleinen Karos. Ist sowie nicht mein Ding. Und das mit dem Rot ist für linke Parteien echt Scheiße.
Wer ins faszinierende städtebauliche Detail der U-Bahnstation gehen will, ist hier gut bedient. So wie in Musik und Literatur ein Rhythmuswechsel durchaus förderlich ist, um Spannungsbögen aufrecht zu halten, so ist es beim Flanieren. Nichts wäre öder, dauerhaft in den zugebenen überaus angenehm anzuschauenden, von geschmackvollen Restaurants, Bars, Galerien, Boutiquen geprägten Kiezen in Charlottenburg und Wilmersdorf zu wandeln, die gepflegten Plätze zur Muße nutzend, Viktoria-Luise Platz, Prager Platz, Ludwig-Kirch-Platz. Nach soviel gediegener Bürgerlichkeit tut der postproletarische Pop am Fehrbelliner Platz dem eingeschläferten Gemüt wohl und es gelüstet den subkulturell sozialisierten Flaneur nach mehr, nach Schmutz, Unordnung, Aufruhr. Wenn sich Dunkelheit naht, lockt SO 36, Oranienstr. Adalbertstr., mit Kneipen wie Trinkteufel und Jodelkeller. Aber nicht zu lange. Es gilt, das Zertifikat des VHS Kurses „In Würde altern“ zu erwerben und alsbald überfällt den Flaneur eine Zivilisationsmattigkeit. Metropolenmüde sehnt er sich nach Ruhe, weitem Blick, Natur, Meer, Sonne, Strand.
Rhythmuswechsel. Wenn es einen Cocktail gäbe gegen Langeweile, wäre das eine zentrale Ingredienz.
Aber wenn es Sie, liebe Leserinnen, mal nach Berlin verschlägt, sollten Sie sich die U-Bahnstation Fehrbelliner Platz nicht entgehen lassen.

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