20.05.2022 – Das war schon Quatsch vor der Wahl und das ist jetzt noch quätscher


Trügerische Idylle
Gestern verlautbarte der niedersächsische Finanzminister Hilbers in Pressegesprächen unter anderem, man solle angesichts der Inflation jetzt nicht zum Chef rennen und mehr Geld verlangen, weil dadurch eine Lohnpreis-Spirale in Gang gesetzt würde. Daraufhin fragte ein Medienvertreter nach, wie ich das einschätzen würde. Man kennt sich, schwätzt schon mal das eine oder andere private Wort und so nahm ich noch weniger Blätter vor den Mund als ohnehin:
Das ist doch Quatsch und so könne vielleicht ein Finanzminister reden, der mit 16 Riesen Brutto im Monat nach Hause geht. Für Millionen Niedriglöhnerinnen sei das völlig inakzeptabel etc. pp. In den 18 Uhr Nachrichten des Senders wurde dann Hilbers kurz im O-Ton zitiert, und danach:
„Alles Quatsch, so Klaus-Dieter Gleitze von der Landesarmutskonferenz ….“
Ich musste lachen, freute mich und grübelte, warum ich ausgerechnet „Quatsch“ gesagt hatte und nicht Blödsinn, Unfug, dummes Zeug … Was hatte da in mir gewaltet?
Und dann dämmerte es mir. Ich war auf den Spuren eines Titanen der frei vagabundieren Rhetorik gewandelt, des anbetungswürdigen Herbert Wehner, der in einem TV-Interview in der Nacht der Bundestagswahl 1969 vor der versammelten Medienmeute von 2 (!) Reportern, mehr Sender gab es damals nicht, mit einer qualmenden Pfeife im Mund unter anderem folgendes von sich gab: „ … Das wird ja versucht von der Hecke aus zu verschleiern…. Ob’s Wachslicht oder Talglicht war …“ Und dann als inkommensurable Climax:
„ Das war schon Quatsch vor der Wahl und das ist jetzt noch quätscher…“ ab 5.15
Dieser Sprachrhythmus, die Pausen, die Betonung, die Metaphern, die Mimik, das ist alles so überwältigend, so ragend über dem ganzen Einheitsblablabla-Dreck von heute, wo alle in dieselbe Rhetorikschule gehen und ich nach zwei Silben schon angeekelt wegschalte, dass ich vor Sehnsucht tief seufzen musste.
Lieber Onkel Herbert, falls Du das hier liest: Der Hilbers Quatsch ist eine winzig kleine Hommage von einem Verehrer.

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