25.05.2022 – Was wir lieben, zerstören wir allein durch unsere Nähe


Trügerische Idylle, Auflösung des Bildes vom letzten Eintrag. Die orangenen Punkte in der Mitte in der Bucht sind Tret- und Paddelboote. Nachdem diese Doppelbucht jahrelang unbelästigt von touristischem Dreck blieb, weil nur mühselig kraxelnd erreichbar, war sie heuer mit diesem Müll kontaminiert, den irgendein Verleiher dahingeschleppt hatte. Was zur Folge hat, dass jetzt Leute in die eigentlich noch schwerer erreichbare hintere Bucht am oberen Bildrand paddeln und dort ihren Müll hinterlassen, wo sonst nur selten Leute abhingen.
Die Buchten sehen mich nie wieder. Dann eben richtig mit Strand, Bar und Sonnenschirm. Einsame Geheimtipps gibt es eh nicht mehr in Zeiten von Instagram und Co. Alte touristische Erkenntnis: Was wir lieben, zerstören wir allein durch unsere Nähe. Ob das auch für andere Lebensbereiche gilt, überlasse ich der Urteilskraft der geschätzten Leserinnen. Alle Kultur, so auch Reisen, ist Aneignung, ob wir das wollen oder nicht. So stehen Natur und Kultur immer in einem oft unauflösbaren Spannungsverhältnis.
Grundsätzlich gibt es wenig Gebote für Kulturproduzenten, eins davon aber lautet: Du sollst nicht nach unten treten und nicht nach oben buckeln. Aus diesem Grund ist mir z. B. der Berufsstand Comedian, anders als Kabarett, ähnlich suspekt wie der des Immobilienmaklers, beide laben sich wie Aasgeier an den Eingeweiden einer verfaulenden Gesellschaft. Comedians sind oft reaktionär und vollkommen geist- und witzlos wie Mario Barth oder Dieter Nuhr, imitieren Menschen mit Handicaps aus dem Prekariat wie Paul Panzer. Sie treten nach unten und biedern sich an den herrschenden Zeitgeist an, der vom Geist der Herrschenden zersetzt ist. Natürlich gibt es Gegenbeispiele feministischer Ansätze wie Carolin Kebekus oder migrantische Comedy, aber tendenziell, siehe oben.
Das im Hinterkopf habend, folgende putzige Geschichte. Unlängst war ich beim Auftritt eines Comedians zugegen, der mich aus dem Publikum pickte, vermutlich weil etwas anders aussehend, nach Namen fragte und: „Was bist Du von Beruf?“
„Witze-Verleiher.“
„Was? Sowas gibt’s doch gar nicht. Wie soll das denn funktionieren?“
„Wenn Du für Deine Auftritte Material brauchst, leihst Du Dir bei mir paar Witze und zahlst mir nach einem Jahr das dafür, was sie Dir wert waren.“
„Welcher Comedian ist denn so bescheuert und macht sowas?“
„Wenn Du wüsstest, wer bei mir alles Kunde ist … “
„Erzähl doch mal!“
„Geschäftsgeheimnis.“
„Und kann man davon leben?“
Ich klappte mein Jackett Revers nach außen: „Weißt du, was auf diesem Etikett steht? …… Armani…“ (Steht natürlich nicht Armani drauf, man kann ja davon nicht leben. Noch nicht …)
Nach dem Auftritt saß er in einer Ecke und verklappte einen Drink. Ich sprach ihn an: „Das war doch ne 1a Steilvorlage für Dich“. Er, leicht angesäuert: „Alter, Du hast mich verarscht, sowas gibt’s doch gar nicht.“ – Ich: „Ich schick dir mal einen Link davon zu. Und eigentlich steht mir die Hälfte Deiner Gage zu.“
Der Mann ist, wie ich bei Recherche feststellte, erste Liga, tritt unter anderem in Berlin bei den Wühlmäusen auf und ist Deutschlands erfolgreichster Battle Rapper. Er ist Schwarzer, grundsympathisch und ich würde mich freuen, wenn er demnächst Hallen füllt, also Champions League.
Dann könnte ich behaupten, ich hätte mit dem mal einen Beef gehabt. Und bitte jetzt mal die Hand heben, wer weiß nicht, was ein Beef ist ….

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