29.05.2022 – Dann tanzen wir eben. Auf dem Vulkan


Ein Blog nur mit Fotos ist ja auch nicht mehr ganz zeitgemäß, also hier mal als Testlauf ein Video.
Der Blogprovider bietet allerdings nur 24 mb pro Datei zum Hochladen an, womit man bei Videos schnell an Grenzen stößt. Das sind je nach Bildqualität maximal 15 Sekunden. So erzieht das Medium via Technik zur Präzision der Kürze. Die Welt allerdings immer in 15 Sekunden einzufangen, das stößt bei mir wiederum an Grenzen, der Akzeptanz. Für den Testlauf hab ich das Video geschnitten. Das mir, der ich schon Schwierigkeiten habe, eine Zwiebel unfallfrei zu schneiden. Ich bin ja auch nicht die Nachwuchshoffnung des Autorenfilms, also dürften das hier eher überschaubar wertvolle Kunstprodukte werden.
Früher, vor dem Krieg, als ich die ersten Videoschritte und – Schnitte unternahm, in einem famosen Uni-Kollektiv, das ich hier in den noch lebenden Restbeständen herzlich grüße, war der Anspruch der Filmschaffenden: Alle machen alles. Also jede*r mal am Schneidepult, im Regiesessel, vor und hinter der Kamera – Tonnenschwer, schwarzweiss, Röhrenmodell. Wenn man da in offenes Licht wie Kerzen reinfilmte, brannte sich ne Lichtspur auf die Videomagnetbänder. Zusätzlich brauchte man und frau bei Außenaufnahmen einen gesonderten, ebenfalls tonnenschweren Portapack-Akkuträger und natürlich Tontechnik. Sowie Catering, also Alkohol. Ach ja, und einen Regisseur, der aber nichts zu melden hatte, weil wir ja ein Kollektiv waren. Summasumarum brauchte es zur Produktion eines Video ungefähr ein Bataillon Personal. Die Arbeit hat bei allen Beteiligten nachhaltigen Eindruck hinterlassen, einen normalen „Weg“ hat da niemand beschritten. Was vermutlich anders gelaufen wäre, wenn wir Pornos gedreht hätten.
Wenn ich es recht überlege, ist es das einzig Nennenswerte, an das ich mich aus dem Studium erinnern kann. Heutzutage tragen wir die komplette Technik für sowas in Form eines qualitiv zigfach überlegenen Smartphones in der Hosentasche. Kein Wunder, dass aus der Jugend von Heute fast immer was Vernünftiges wird.
Wenn der Opa vom Krieg erzählt. Gräßlich. Was ich eigentlich der Welt mit auf den Weg geben wollte: Form und Inhalt, Medium und Geschichte, Technik und Erzählweise, Furz und Feuerstein müßen immer in einem dialektischen Verhältnis stehen, wenn ein autonomes Kunstwerk entstehen soll, das nicht in vormoderner bürgerlicher Erzählweise verhaftet ist.
Wie bei meinem Video oben, aufgenommen am 1. Mai am Mariannenplatz, wo die Jugend der Welt früher (!) dem fröhlichen Hönkeln in Form von Molotowcocktailweitwurfwettbewerben nachging und heute einfach dancing in the streets praktiziert. Mir hat’s gefallen. Die autonome Mairandale im Kreuzberg der Achtziger, zuletzt auch in linken Zusammenhängen Aufstand der Arschlöcher genannt, weil in entpolitisierte Gewalt entartet, ist weitgehend vielen dezentralen fröhlichen Maifeiern gewichen. Sieht man vom DGB-Rentnerinnenball am Brandenburger Tor ab.
Komisch und bezeichnend zugleich, ist doch der Kapitalismus jetzt, im Vergleich zu den Achtzigern, in ein vielfach bedrohlicheres Krisenstadium eingetreten.
Dann tanzen wir eben. Auf dem Vulkan.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.