02.06.2022 – Denken Sie auch dauernd daran, Corona zu vergessen?


Ich war, Fortuna sei Dank, zur Zeit gerade in dieser Gegend, als mich die Nachricht erreichte: Corona in meiner Berliner WG. Und Göttinseidank hab ich meine Homebase-Ausweichmöglichkeit. Allerdings wurde mir in dem Moment, wo mich die Botschaft erreichte, klar: Irgendwann erwischt es mich auch, so sicher wie das Amen in der Kirche. Expert*innen warnen angesichts eines neuen Subtyps mit explodierenden Fallzahlen und erhöhter Sterblichkeit in Portugal vor dem Herbst hierzulande.
Selbst wenn ich diesen Herbst und Winter noch ungeschoren davonkomme, das Virus mit seinen Varianten und Subtypen verschwindet ja nicht. Ich kenne Fälle, wo Menschen trotz Booster schon zweimal infiziert wurden, mal symptomfrei, beim zweiten Mal mit heftiger Symptomatik. Auch wenn das nur anekdotisches Blabla ist (das ist die dümmste aller Verschwörungserzählungen: „Also ich kenne da jemanden ….“): Es gibt keine hybride Immunität in dem Sinne, dass Geimpften empfohlen werden kann, sich gezielt einer Ansteckung auszusetzen und dann ist alles gut.
Es wird anscheinend auch immer „egaler“, wie viele ungeimpfte Andersbegabte da draußen noch rumrennen. Mittlerweile sind nur noch 7 Prozent der Bevölkerung weder geimpft noch genesen. Die Zahl wird sich logischerweise zum Winter hin weiter drastisch verringern und trotzdem wird uns das Virus noch Jahre begleiten.
Natürlich werde ich mich ein viertes Mal impfen lassen, trage weiter stoisch Maske in Öffis und geschlossenen Räumen, weigere mich standhaft, Präsensveranstaltungen zu organisieren und trotzdem gehe ich davon aus, dass ich irgendwann infiziert werde. Ich hoffe auf milde Symptomatik (bloß keine Geschmacksverlust!), eine jederzeit greifbare Superpille gegen schwerere Verläufe und werbe weiter militant und radikal für eine Impfpflicht. Der Rest entwickelt sich mit der Unabänderlichkeit einer griechischen Tragödie.
Und niemand weiß, was da draußen im Busch oder auftauenden Permafrost noch für Virusgranaten lauern, gegen die Corona eine Hauskatze ist im Vergleich zu einem Tiger.
Trübe Gedanken angesichts der Tatsache, dass in drei Wochen die Tage wieder kürzer werden? Realismus hat noch nie geschadet. Und natürlich kriegen Gedanken andere Schattierungen, wenn man älter wird. Als ich unlängst da oben in der Gegend zwischen Klippen rumkraxelte, um in eine mir länger bekannte einsame und anders nicht zu erreichende Bucht zu gelangen, kam ich an eine Stelle, an der ich dachte: „Oops, hier lieber nicht noch mal.“ Sich an so einer Stelle den Urlaub mit geschundenem Knöchel versauen, muss ich nicht haben. Als ich mich dann am Strand liegend von der Sonne ins Gedankenkoma küssen ließ, wurde mir plötzlich und unabänderlich klar, was das bedeutet: Hier werde ich nie wieder liegen.
War jetzt keine griechische Tragödie im Sophokleschen Sinne. Ich gab mich weiter der Sonne hin. Aber dachte noch als letztes, bevor die Gedanken blasser und blasser wurden:
Das kommt dabei raus, wenn man anfängt zu denken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.