19.07.2022 – Kann aber auch der Schlehenbrand gewesen sein.


Geschirrsattlerei. Berlin-Schöneberg.
Es gibt bei bildgebenden Medien verschiedene Einstellungsgrößen wie Totale, Halbtotale, Großaufnahme. Da unterscheiden sich Super 8, Video, Smartphone-Foto etc. nicht. Diese Einstellungen produzieren beim Betrachter unterschiedliche Wahrnehmungen und Emotionen. Das Aufkommen von bildgebenden Medien wie Film und Fotografie im 19./20. Jahrhundert hat unsere Wahrnehmung vollkommen umstrukturiert und alle Künste revolutioniert. Die große Romanerzählung der Tradition des 19. Jahrhunderts wurde obsolet und ersetzt durch Schreibtechniken, die sich an den neuen Medien orientierten. Beispiel: Die Montagetechnik des Films schlug sich in bahnbrechenden und richtungsweisenden Werken wie dem „Ulysses“ von James Joyce nieder oder auch „Berlin Alexanderplatz“ von Döblin. Unsere Wahrnehmung ist auch eine des Films.
Geschirrsattlerei, das erweckte beim Anblick in der Totalen Neugierde bei mir. Potzdonner, dachte ich, altes Handwerk, ein seltener Fall. Und näherte mich, in die Halbtotale. Dort Irritation, leather for dogs, freaks and ….welch seltsame Mischung. In der Großaufnahme, direkt am Schaufenster der Aha-Effekt. Das Angebot war vielfältig, wenn auch nicht bunt, sondern schwarz. Nicht alle Gegenstände waren auf den ersten Blick so selbsterklärend wie die Lederleine für Hunde.
Im Flanieren kam ich dann ins Grübeln, was neben dem Genießen zentrales Moment des Flanierens ist. Sind derlei Fetische nicht die Verlängerung der verdinglichten Warenwelt des Kapitalismus in das Reich des Begehrens, somit ein Moment der Entfremdung und also ein Akt der Intimitätsdestruktion? Oder hatte Omma einfach Recht mit ihrem Diktum: Jedem Töpfchen sein Deckelchen?
Des Grübelns ward allerdings nicht lange. WG-Treff bei „Leydicke“. Ein über alle Maßen erfreuliches Etablissement, mit einer Aura bis ins 19. Jahrhundert, dessen Besitzer Raimon einer der wenigen Destillateure im Lande ist und fulminante Brände produziert.
Wir räsonierten über Gott und die Welt, den Klassenkampf und dass wir hier ja eigentlich die Grenze von Kreuzberg zu Schöneberg überschritten hätten. Ich las den „Anstoß“, das Organ der Berliner DKP.

Und Raimon brachte Bier, Bulletten und einen 50 % Schlehenbrand. Die Luft war milde, über allem eine entspannte Heiterkeit, am Ende der Straße prangte ein (ehemals ?) besetztes Haus in Graffitibunter Fröhlichkeit. Eigentlich war es eine Zeitkapsel, in der wir schwebten, 70er Jahre. Kann aber auch der Schlehenbrand gewesen sein.

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