20.07.2021 – Liebe Göttin, mach Putin tot.


Zigarettenautomat in meiner Stammkneipe „Leydicke“ mit Vorkriegs-Marken wie Garbaty und der aus Kreuzberg stammenden Muratti-Privat.
Vor dem Krieg ist nach dem Krieg, nach dem Krieg ist vor dem Krieg. Die Geschichte der Menschheit ist eine Abfolge von Kämpfen unterschiedlicher Klassen gegeneinander um die Herrschaft, so Marx. Und demzufolge ist sie eine Abfolge von Kriegen, weil sich der Klassenkampf mit dem Sieg der herrschenden Klasse natürlich nicht auf einzelne Staaten beschränkt, sondern als Ausdruck seiner selbst immer auch in imperialistische Kriege mündet. Das Kapital war schon immer international, im Geschäft wie im Krieg, während der Pöbel in den jeweiligen Staaten, früher repräsentiert durch die Sozialdemokratie, in nationalen Kategorien dachte.
Hört sich schlimmer an als es ist. Nichts hasst das Kapital so sehr wie gestörte Geschäfte und da kann es durchaus auch friedensstiftende Momente haben. Am Ukraine-Krieg dürfte das Kapital nur begrenzt Interesse haben, die paar Waffenlieferungen und der Aufbau später, das ist nichts im Vergleich zu einer globalen Rezession und Profitverlust, wenn der Gashahn dicht bleibt. Ergo explodierte der Dax gestern binnen Minuten um fast drei Prozent als die Botschaft kam: Putin gibt wieder Gas. Das Kapital will kalkulierbare Verhältnisse und die liefert der Frieden eher. Also werden Wirtschaftsvertreter auf beiden Seiten Druck für Frieden machen.
Alles wird gut. Achten Sie auf den Dachs.
Auf der ethischen Seite befinden wir uns in einem Dilemma, was den Ukraine Krieg angeht. Klassische griechische Tragödie: Die Akteure können machen, was sie wollen, es endet in der Katastrophe. Schuldlos schuldig. Unterstützen „wir“ als Neo-Bellizisten Waffenlieferungen an die Ukraine, verlängern wir einen – für die Ukraine aussichtslosen – Krieg mit womöglich Hunderttausenden Toten und einem völlig verwüsteten Land. Plädieren „wir“ als versprengte Rest-Pazifisten für einen eingefrorenen Konflikt, also Waffenstillstand in Verbindung mit einem Waffen-Lieferstopp, ermuntern wir den Irren Putin womöglich zu weiteren Aggressionen, im Baltikum, gegen Polen etc.
Was auch im ersten Fall nicht auszuschließen ist, warum sollte er nach einem womöglich jahrelangen blutigen Krieg gegen die Ukraine nicht weitermachen. Die innere Dynamik von Terrorregimes, und auf dem Weg ist Russland, ist selten auf einen Status quo-Erhalt gerichtet. Terror nährt Terror und will mehr, siehe Hitler. Es sei denn, tragende Akteure sterben, wie Stalin und Mao. Das mildert den Terror dann, ohne seine Dynamik völlig auszuschalten.
Nichts wird gut. Diese tragische Situation vergiftet den Ton hierzulande, alle Akteure wissen, dass sie recht und unrecht zugleich haben und dass es keine ethisch vertretbare Lösung gibt. Bellizisten und Pazifisten punken sich in Diskussionen immer gereizter an. Was ich selber nicht nur einmal erlebt habe. In solchen Situationen bin ich froh, wenn es sich um Freunde handelt, bei denen man auf sicherem Eis wandelt. Meint: Bei allen Konflikten: Die Freundschaft trägt das. Das ist eine andere Situation als Coronaschwurbler, die sich auf so vielen Ebenen in eine Welt katapultiert haben, in der der Diskurs unmöglich ist
Also sollten alle Christinnen unter uns beten: Liebe Göttin, mach Putin tot.
Und wer im Besitz von Verstand ist, sollte hoffen, dass das Kapital Druck für Frieden macht. Vielleicht murkst ja irgendein Oligarch Putin ab, weil er nicht mehr auf seine Yacht kann.
Ich für meinen Teil hänge im Leydicke ab und kippe Schlehengeist in mich. Was gut für inneren Frieden ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.