28.08.2022 – Sorry, liebe Wölfe


Der Himmel über Berlin. Ein Donnerschlag und der „Jahrhundertsommer“ mit Wochen tropischer Nächte war beendet. Es war wie bei Haydns Symphonie mit dem Paukenschlag, auf einmal waren alle wieder munter. Natürlich ist der jetzige Zustand normaler und gesünder, aber was ist schon normal und über den Sinn von Gesundheit lässt sich auch streiten. Solange man nicht krank ist jedenfalls. Ich fand diesen „Jahrhundertsommer“ (in „“ deshalb, weil derartige Sommer die Regel werden) nicht schlecht, irgendwie faszinierend. Ausnahmesituationen haben immer etwas Faszinierendes und man, na ja, ich jedenfalls, versucht, ihnen auf den Grund zu gehen. Wie fühlt sich Ausnahme an, wie riecht, schmeckt, tönt die? In der Glutglocke von Berlin waren, sind, alle langsamer, gedämmter, das Leben gleicht mehr einer surrealen Inszenierung denn der Benzingeschwängerten Realität. Kleidung entgleitet immer mehr ästhetischer Zumutbarkeit, überall Männer in Shorts und Socken, das Grauen, aber selbst solche optischen Infernos (Inferni find ich schöner, ist aber falsch) lassen mich kalt (sic!). Man ist noch eher geneigt, sich Faulheit zu verzeihen als eh schon. Einfach mal viere gerade sein lassen.
Ausnahmesituationen verursachen ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl, da sitzen und schwitzen tatsächlich mal alle in einem Boot. Selbst die dauernden Krisennachrichten prallen an einer Mental-Mattscheibe meist müde ab. Es wird, wenn überhaupt, mehr der Restintellekt geweckt als irgendwelche Emotionen. Erstaunt war ich dann doch über die 32 Prozent.
Lediglich 32 Prozent aller BRD-Insassen sind für eine Anhebung von Sozialleistungen in diesen Krisenzeiten. Es ist nicht so sehr die infame Niedertracht des ideellen Gesamtdoitschen, die dem Anderen nicht die Butter auf dem Brot gönnt (wobei sich Butter immer weniger leisten können), die übel aufstößt. Es ist die Mischung aus grunzdummer Dämlichkeit und Mangel an jeder soziologischen Phantasie, die erstaunen macht. Nicht einzukalkulieren, dass demnächst, irgendwann, auch er, der dumme Michel, darauf angewiesen sein könnte. Oder gar schon angewiesen ist. Mehr als 10 Prozent aller Erwachsenen beziehen jetzt schon Transferleistungen. Ein großer Prozentsatz beansprucht aus Scham oder Unwissenheit keine Transferleistungen, 50 Prozent bei Hartz-IV, 60 Prozent bei Grundsicherung im Alter, dazu kommt ein Millionenheer von Prekären und Niedriglöhnerinnen, die knapp über der Grenze liegen. Und die bei der mit Riesenschritten nahenden Rezession am Arsch der Existenz sind. 40 Prozent aller Einwohnerinnen haben keinerlei Rücklagen oder Schulden. Tendenz dramatisch steigend.
Wir können also unterstellen, dass die Summe derjenigen, die Transfers beziehen, beziehen könnten oder ständig vom Absturz bedroht sind, ungefähr der Summe derer entspricht, die für eine Erhöhung ist.
Wenn wir dagegen rechnen, dass bei den oben erwähnten 32 Prozent viele, Millionen, wohlmeinende, gutverdienende Grünenwählerinnen sind, vielleicht sogar Sozis, die anderen auch mal was gönnen, kommen wir zu folgendem Schluss: Millionen armer Schweine sind gegen eine Erhöhung von Sozialleistungen, obwohl sie selbst davon profitieren, profitieren könnten oder werden.
Wie zugerichtet muss der Kopf sein, die eigenen Interessen und Bedürfnisse derartig zu verleugnen, einen Teil der eigenen Existenz derartig von sich abzuspalten und das Lied der feindlichen Wölfe mit zu heulen.
Dem Gegner die Kehle anzubieten, das funktioniert nach verlorenem Kampf im Tierreich, unter anderem bei den Wölfen. Aber nicht bei Menschen.
Kein Wunder, dass so viele Schafe aus lauter Angst und Panik bei den grauen, den braunen Wölfen mitheulen und demnächst auch laufen, wenn der Mob für die Straße mobilisiert.
Und sorry, liebe Wölfe, dass ich Euch derartig beleidigend anthropomorphisiert habe. Ist halt Grundkurs Rhetorik: In Gleichnissen reden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.