04.09.2022 – Rummel Bummel


Rummel war nie mein Ding, so wie Zirkus. Was hab ich schon als Kind die Clowns gehasst, öde Possenreißer, immer der gleiche Stremel. Und was toll daran sein soll, beim Rummel Bummel kopfüber kotzend in einem Achterbahnlooping zu hängen, hat sich mir nie erschlossen. Mir hat das Kotzen nach Alkoholabusus schon gereicht. Aber der Rummel ist einer jener kollektiven Orte, der eine Aura besitzt, bei der zivilisierte Bürgerinnen nicht gleich Reißaus nehmen müssen. Siehe Fußball- Zusammenrottungen, die mich immer an Nürnberger Reichsparteitagsaufmärsche gemahnen.
Ich bin kein sonderlich guter Fotograf, aber im Bild oben habe ich einen Teil der Aura des Rummels bei einer zufälligen Querung unlängst ganz ordentlich eingefangen. Und wenn kunstgeschichtlich Interessierte da Assoziationen zu Edward Hopper haben, liegen sie nicht ganz falsch. Ich verweilte für einen Moment, wurde dann aber gewahr, wie ein Mensch in Schützenuniform hinter dem Festzelt bräunliche Brühe erbrach, unter den Klängen eines undefinierbaren Musikbreis aus dem Zelt-Inneren, und suchte das Weite, Aura hin, Aura her. Zuhause sinnierte ich darüber, ob jemand bereit wäre, für den Ankauf meines Fotos ähnliche Summen zu investieren wie für einen Hopper. Und schon war die Aura flöten.
Keinerlei Aura zu keinem Zeitpunkt hatte der verblichene Gorbatschow für mich. Weder habe ich ihn als irgendeine Lichtgestalt und Erlöser vom Reich des Bösen gesehen noch als dämonischen Zertrümmerer des glorreichen Sowjetreichs. Große Männer machen Geschichte? Das ist bürgerlicher Geschichtsklitterungsquark, die Sowjetunion wäre so oder so über den Jordan gegangen, Gorbi hin oder her. Fakt ist aber, dass er den Fall des Eisernen Vorhangs beschleunigt hat und dafür im Westen verehrt wird.
Von den gleichen Leuten, die die Existenz zahlreicher neuer Eiserner Vorhänge weiter im Osten auf unserem Kontinent offensichtlich prima finden, tausende Kilometer Stacheldraht, meterhoch. Zig Millionen EU-Gelder werden für neue Grenzen investiert, um uns das Elend der Welt vom Hals zu halten. Hilft natürlich nix, die Flüchtlingsunterkünfte quellen gerade mal wieder über, Wasser auf die Mühlen der Nazis hierzulande
Diese dauernde bürgerliche Doppelmoral wäre zum Kotzen. Aber da ich kein Festzelt im Garten habe, lass ich das mal. Und spüre nur einer gewissen Übelkeit in mir nach, wenn ich lese, was Klerikal- und andere Faschisten diesseits des neuen Eisernen Vorhangs, in dieser Meldung vornehm Balkan-Halbinsel genannt, aktuell inszenieren, ohne dass die EU diese Länder sofort rausschmeißt. „Serbisch-Orthodoxer Bischof will Europride verfluchen“ … Wo ist der neue alte Eiserne Vorhang, wenn man ihn mal braucht?

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