23.01.2023 – Zivilisation ist die Fortsetzung der Barbarei mit kultivierteren Mitteln.

Gestern Morgen Blick in den Garten. Freundinnen der Natur mögen ob des Anblicks in Verzücken geraten, ich setzte mir sofort die Hasskappe auf. Winter, kalt, dunkel, nass, Matsch, glatt, ausrutschen, Oberschenkelhalsbruch, Tod, das war und ist ungefähr die Assoziationskette, die mich winters begleitet. Den Winter empfinde ich als völlig überflüssige Erfindung. Es ist die Zeit von Husten, Schnupfen, Heiserkeit, man kann nicht grillen, kein Gras anbauen und muss stattdessen heizen. Kostet Geld, so wie Winterflucht in den Süden. Der Winter ist schrecklich.

Romantiker zieht es bei Anblicken wie dem Obigen hinaus in die Natur. Da haben wir dann eine Trias des Grauens beisammen: Winter, Romantik, Natur.

Winter …. siehe oben. Die deutsche Romantik mündete geradewegs im Nationalsozialismus. Und wenn ich das Wort Natur nur höre, möchte ich gleich meine Pistole entsichern, lauert hier doch der Kitsch hinter jedem Baum. Und da wo Kitsch lauert, ist Pathos nicht fern. Was wiederum todessehnsüchtiges Merkmal von Faschismus ist, wie wir gerade in Russland sehen, wo der klerikal-faschistische Todeskult mörderische Urständ feiert, Motto: Leben wird überbewertet.

Eine freie, unverfälschte, reine Natur gibt es nicht mehr. Wollen wir hierzulande so etwas fördern wie Urwald, Brachflächen etc. ist dafür ein unglaublicher bürokratischer Planungs-, Organisation und Kontrollaufwand nötig; Und tritt uns der vermeintliche Urzustand Natur in wölfischer Form des canis lupus gegenüber und zu nahe, verfällt die Gesellschaft umgehend in einen fast mörderischen Kultur(!)kampf Pro und Contra.  

Die Moderne, die Zivilisation tritt der Natur in zwei Gewändern gegenüber: Vernichtung und Überhöhung. Jeden Tag werden in Deutschland aus Profitgründen über 100 Fußballfelder planiert, betoniert und ein Vielfaches wird unwiederbringlich einem halbwegs ausgeglichenen, sich selbst regulierenden Zustand entrissen und in eine scheinbar grüne, aber fast tote und Artenbefreite Industrielandwirtschaftszone umgewandelt.

Auf der anderen Seite gibt es einen alles übertönenden Schlachtruf der Moderne: Zurück zur Natur. Bloß raus aus der Stadt. Selbstversorgend jeder auf der eigenen Scholle werkeln, natürlich alles Öko, koste es, was es wolle. Das ist wie aller Kitsch unreflektiert und reaktionär. Früher hätte ich gesagt, es ist deshalb reaktionär, weil es in der Tradition des Antimodernismus steht. Also Gegenzivilisatorisch wirkt, in der Polarität Zivilisation vs. Barbarei.

Bei nüchterner Betrachtung bleibt allerdings angesichts aktueller Entwicklungen festzustellen:

Zivilisation ist lediglich die Fortsetzung der Barbarei mit kultivierteren Mitteln.

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