02.02.2024 – Wie mich „Bauer sucht Frau“ und „Das perfekte Dinner“ als Kandidaten haben wollten

Alle Macht … Boxhagener Platz, Friedrichshain.

Um 2012 herum bewarb ich mich bei diversen TV-Trash und Quiz-Formaten als Kandidat. Einige dieser Bewerbungen waren erfolgreich. Die Bewerbungen waren den Formaten angemessen von vorne bis hinten erstunken und erlogen, immer professionell auf den jeweiligen Format-Bedarf hin designt.

Über diese Erfahrungen, in Verbindung mit zwei anderen Erzählsträngen, habe ich ein Manuskript geschrieben und Verlagen angeboten. Einige waren nach dem Exposé interessiert, der zu Klampen Verlag wollte es veröffentlichen. Letztlich kam es nicht dazu. Das Werk schlummerte auf meiner Festplatte vor sich hin. Neulich kam mir der Gedanke, es als E-Book zu veröffentlichen. Um die Resonanz zu testen, veröffentliche ich hier im Blog regelmäßig ab heute Auszüge daraus. Anhand der Klickzahlen sehe ich, wie das ankommt.

Bei den Formaten handelte es sich um noch existierende Klassiker wie „Das perfekte Dinner“ oder „Bauer sucht Frau“, aber auch vergangenes wie „Tine Wittler – Einsatz in vier Wänden“, „Peter Zwegat – Raus aus den Schulden“, „Vera Int-Veen – Verzeih mir“ und nicht zuletzt „Helena Fürst – Anwältin der Armen“. Alles zynische, sozialpornografische Geschichten, bei denen das Medium wahre Menschen und echte Bedürfnisse ausbeutet, aussaugt, zermahlt und als leere Hülle wieder ausspuckt.

Ein durch und durch kapitalistisches Unternehmen. Unsere Gesellschaft ist so wie sie ist, auch durch Medien geworden. Erste Zäsur: Die Privatisierung der Medienlandschaft, mit der Zulassung privater Anbieter begann 1984 der Aufstieg des Privatfernsehens.  Zweite Zäsur: 20 Jahre später der Siegeszug der sozialen Medien, mit Gründung von Facebook

Diese Zäsuren trugen mit dazu bei, dass wir zunehmend eine Gesellschaft von infantilen, aggressiven, pöbelnden Dauer-Erregten sind, ein demokratiebedrohender Prozess, der faschistoide Züge annimmt. Daran sind Medien als Ausdruck eines Kapital- und Herrschaftsverhältnisses nicht alleine, aber mit Schuld.

Wie laufen solche Mechanismen ab, wie produzieren Medien, welche Menschen arbeiten dort, was macht ihre Faszination und Wirkmächtigkeit aus. Darüber kann man Bücher lesen, um es zu begreifen. Oder man macht es selber. Der Unterschied ist wie beim Schwimmen: Man lernt es am besten, wenn man ins Wasser springt und nicht durch Bücherlesen.

Mein Lieblingsformat war „Das perfekte Dinner“, neben Quizsendungen dass am wenigsten zynische Format. Die riefen noch jahrelang nach meinem erfolgreichen Telefoncasting bei mir an, wenn sie in Hannover Station machten und wollten mich als Kandidaten. Ich hatte leider gerade immer andere Termine. Für die möglichen paar Euro Gewinn mache ich mich nicht zum TV-Narren, da steht die Messlatte höher.

Am lustigsten war das erfolgreiche Casting zu „Bauer sucht Frau“. Dazu die Auszüge hier. Das Procedere ist immer gleich. Man bewirbt sich bei Castingfirmen, sowas produzieren die Sender nicht selbst, wie Fameonme, , die melden sich dann irgendwann, wenn es passt. Und dann geht es los ….. Also hier geht’s los

Unveröffentlichtes Manuskript, Kapitel 4 „Bauer sucht Frau“. Auszug:

„ ….. Der Sommer machte keine Pause. Meine Erfolgsserie bei Castings auch nicht. Ein paar mediterran angehauchte Tage später erhielt ich von der für RTL castenden Firma DEF Media GmbH eine E-Mail:

„Betreff: Ihre Bewerbung bei „Bauer sucht Frau“

Vielen Dank für Ihr Interesse an „Bauer sucht Frau“!

Für eine vollständige Bewerbung benötigen wir folgende Informationen/Unterlagen:

– Ihre Telefonnummer

– zwei Fotos (1 Portrait & 1 Ganzkörperfoto)

– sehr gern in Arbeitskleidung und Bilder während ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit (auf dem Traktor, mit Ihren Tieren, beim Füttern, mit Gabel o.ä., beim Rebenverschnitt…)

Schicken Sie die Unterlagen an diese Emailadresse casting@def-media.com oder per Post an nachfolgende Anschrift.

DEF Media GmbH

c/o Berliner Union Film

Oberlandstr. 26-35

12099 Berlin 

Wir werden uns dann demnächst mit Ihnen in Verbindung setzen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr „Bauer sucht Frau“ Team

Castingabteilung

Tel: +49 30 – 233 211 143  I  Fax: +49 30 – 233 211 112

www.def-media.com 

DEF Media GmbH“ 

In der Oberlandstraße 26 bis 35 sitzt die Berliner Union-Film, ehemals die legendäre UFA. Hier wurden in den Zwanzigern und Dreißigern des vorigen Jahrhunderts Filmmythen realisiert wie beispielsweise „Die Nibelungen“, „Metropolis“, „Der blaue Engel“ und einer der ersten Farbfilme überhaupt, „Münchhausen“ von 1943, mit barbusigen Haremsdamen. Barbusige Haremsdamen 1943, das dürfte in der Faszinations-Choreographie übertragen auf heute nur noch von einem Blowjob in der Tagesschau übertroffen werden. 

Heutzutage also „Bauer sucht Frau“. Immer noch besser als der UFA-Durchhaltefilm „Kolberg“ des Antisemiten Veit Harlan, der vor deutschen Truppen in der von Alliierten umzingelten Atlantikfestung La Rochelle noch am 30. Januar 1945 uraufgeführt wurde.

Ich suchte meine E-Mail Bewerbung für „Bauer sucht Frau“ aus dem Ordner „Doku-Soaps“ hervor, in dem sich noch Entwürfe stapelten für „Tine Wittler – Einsatz in vier Wänden“, „Peter Zwegat – Raus aus den Schulden“, „Vera Int-Veen – Verzeih mir“ und nicht zuletzt „Helena Fürst – Anwältin der Armen“. Falls es so etwas wie einen inoffiziellen Titel „Casting-König von Deutschland“ gab, war ich im Rennen.

Meine Bewerbung hätte selbst den UFA-Münchhausen vor Neid erblassen lassen:

„Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

hiermit bewerbe ich mich für die Sendung „Bauer sucht Frau“. Ich stamme aus Bilshausen im Eichsfeld, aus einer alteingesessenen Familie. Ich pendle zwischen Hannover und dem Eichsfeld, wo ich zurzeit noch Nebenerwerbslandwirt bin. Ich bin dabei, meinen Lebensmittelpunkt als Vollerwerbsbauer ins Eichsfeld zu verlegen. Ich bin noch ledig, ein Zustand, den ich ändern möchte. Wenn ich zurück in die Heimat meiner Vorfahren kehre, möchte ich auch innerlich sesshaft werden. Das unstete Leben in der Stadt ist mir in letzter Zeit zuviel geworden, aber ein bisschen hänge ich noch dran, deshalb wähle ich auch diesen Weg über das Fernsehen. Meine zukünftige Frau muss keine Schönheit sein, sie muss sich auch nicht in der Landwirtschaft auskennen, aber es wäre schön, wenn sie den Willen zum Anpacken mitbringt. Sie sollte gerne kuscheln, sie muss kein Abitur haben und zu viel diskutieren sollte sie auch nicht, Charakter ist auf dem Lande wichtiger. Mit den Nachbarn auszukommen, ist wichtig. Mir haftet in meinem Dorf immer noch der Ruf des Stadtfracks an, weil mein Hof nicht die Hektargröße der anderen Großbauern hat. Das ändert sich durch Zupachtung und mit den Nachbarn kommt man besser aus, wenn man zu zweit ist.“

Fortsetzung folgt ….

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