10.02.2024 – Mit einem Erdbeben beginnen und sich dann langsam steigern

Wo aber Winter ist, wächst das Hoffende auch. Gestern im Garten auf dem Weg zum Mülleimer gesehen. Es gibt also doch ein Leben jenseits von Schneeregen, Kälte, Matsch und Dunkelheit. Das kann man auch nur für die aktuelle Nachrichtenlage hoffen. Gibt’s da irgendwas mit Hoffnung? Beim Klima ist alles noch schlimmer als befürchtet, das 1,5 Grad Ziel ist jetzt schon übertroffen, für Wirbelstürme reicht die alte Skala nicht mehr aus . Und was die AfD angeht, einen besseren Zeitpunkt für die Correctiv-Enthüllungen hätte es für die nicht geben können. Die Großdemos gegen Rechts rutschen jetzt schon langsam in den News nach hinten, ob da eine nachhaltige antifaschistische Kampagne draus wächst, ist offen bis fraglich, und bis zu den nächsten Wahlen, EU im Juni und im Osten im September, hat sich die Gesellschaft weiter an bisher Unsagbares gewöhnt. Die Mitte schläft weiter den Schlaf der Ungerechten…

Der bürgerlichen Mitte fehlt es qua genetischer Verankerung an antifaschistischer Radikalität, wie die quälend langsame Reaktion der Berliner Filmfestspiele auf die Einladung von AfD-Politikern zur Eröffnungsgala zeigte . Erst nach tagelangen öffentlichen Diskussionen konnte sich die Festivalleitung zu einer Ausladung der AfDler durchringen. Wissen die nicht, wie Faschisten mit „entarteter“ Kunst und deren Protagonisten umgehen?

Noch gruseliger die Reaktion der Berliner FU und der zuständigen SPD (!)-Senatorin auf den Überfall eines Studenten, der einen jüdischen Kommilitonen krankenhausreif prügelte. Dass die Verantwortlichen dieser schändlichen Stellungnahmen noch immer im Amt sind, zeigt wie es um den deutschen Antifaschismus bestellt ist: Erbärmlich. Und was für die Zukunft zu erwarten ist: Phrasen und Floskeln.

Die Existenz der Wagenknechte scheint der AfD ein paar Prozente in den Umfragen abgenommen zu haben, die Demos haben mit diesem Prozess nichts zu tun. Hier kann man seine Übereinstimmung mit Positionen der Wagenknecht-Partei prüfen. Bei mir lag sie höher als gedacht ….  Aber doch noch niedrig genug….

Und wo bleibt das Positive? Kultur, die große Trösterin, liefert da zuverlässig. Unlängst auf rbb ein kurzer, schöner Dokumentarfilm über die bekannteste deutsche Streetgang, die ehemaligen türkischen Kreuzberger „36 Boys“, benannt nach dem rauen SO 36-Teil des Kiezes, rund um den Kotti.

Der Film ist auch ästhetisch gelungen, das 40-Sekunden-Intro der ersten Film-Takte setzt das Leitmotiv, laut, rau, lebendig, kämpferisch, bunt. Ich sitze manchmal länger am Kotti, mit türkischem Tee oder Berliner Bier, Wein gibt’s da weniger, lasse die Bilder, die Symphonie eines Kiezes auf mich wirken. Oft hässlich, abstoßend, vor allem, wenn man z. B. gerade aus der Neuen Nationalgalerie gekommen ist. Aber es sind immer lebendige Erzählungen, mit Aura. Kaum Menschen, die der Norm entsprechen. Berlinerinnen fahren hier nur durch und Touris sind höchstens kurz auf Grusel-Sightseeing. Die Mauern hier sind nicht sprachlos im Winde, sie raunen Geschichten

Und wenn dann noch im Film Deutschlands berühmtester Sternekoch Tim Raue erzählt, wie er Mitglied der 36 Boys wurde, also, das hat was …. Sein Lokal liegt nur zwei autonome Steinwürfe entfernt vom SO 36-Herz, der Oranienstr. Eins meiner letzten Dinge, wenn der Arzt mir eröffnet: „Der Monatsletzte ist auch Ihr Letzter“ wäre ein Besuch bei Tim Raue . Es muss ja nicht gleich der 2019er Montrachet Grand Cru für 12.000 Ocken sein….

Ein Film muss mit einem Erdbeben beginnen, und sich dann langsam steigern . Ich ergänze: Und mit einem Vulkanausbruch enden.

Das gilt auch für Rock‘ n Roll, siehe Beispiel-Intro hier, 30 Sekunden, bis der Gesang einsetzt (nach hinten raus zuviel Gitarrengegnidel, aber das Intro bleibt …). Die Band kann man im Sommer in der Spandauer Zitadelle begutachten. Pars pro Toto sind die Aussichten doch nicht völlig trübe. Den Scherz musste ich mir einfach gönnen ….

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