07.06.2017 – Natur wird überschätzt

weisse siedlung
Weiße Stadt, Berlin-Reinickendorf, Weltkulturerbe. Zwanziger Jahre, moderner sozialer Wohnungsbau. Brückenhaus über die Aroser Allee.
Mir ist die Natur suspekt. Voller Zecken, stinkt nach Gülle und verbaut einem oft den Blick in die Landschaft. Soweit so drollig. Ernsthaft bin ich ein durch und durch urbaner Typ, je Metropole, desto besser. Aufs Land würde ich nur unter einer Bedingung ziehen, wenn es sich um den Friedhof und um meinen finalen Umzug handelte. Nur über meine Leiche.
Sicher ist die Luft auf dem Lande besser, sieht man von Gülle ab, ich wohne an einer Straße, durch die täglich 20.000 Autos brettern, ich weiß, wovon ich rede. Gestern hatten wir Redaktionssitzung für die nächste NETZ Nr. 5, sowas startet immer mit einem Grill bei mir im Garten. Der Tisch war heute Morgen, beim Säubern, mit einer schwarzen Feinstaubschicht überzogen, keine 12 Stunden später. Natürlich ist das ungesund, so wie Fleisch, Alkohol, Drogen und das Leben grundsätzlich. Aber deswegen muss ich doch nicht in der Pampa, fernab von Kultur und Zivilisation, verbauern. Also Ruß vom Tisch gekratzt, tief Luft geholt, Würfelhusten abgeröchelt und frisch, fromm, fröhlich, frei (Das Land ist reaktionär, die Stadt ist der Fortschritt. Sieht man mal von der AfD ab. Und den Stadtbewohnern) ans Tagwerk.
Wobei mir gestern meine Installation von 1998 wieder unter die Augen kam, die länger von wildem Wein verrankt war (Natur!)
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Installation „Privatbesitz“, Schild mit Sichel und Orden, 1998. Zu sehen unter anderem in der Ausstellung „Perspektiven 2030“ des Kunsthauses Bilshausen.
Das Haus, in dem ich wohne, hat die nicht seltene Entwicklung vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer mitgemacht. Nachdem die Hausgemeinschaft die Hütte gekauft hatte, bestand meine vorrangige Aufgabe darin, dem notorisch linken Rest klarzumachen, dass eine notarielle Teilungserklärung durchaus so etwas wie langfristig verbindliche (!) Konsequenzen hat und es Sinn macht, von der bis dahin gültigen Allmende-Wirtschaft im Garten zu einer erkennbaren Form des Privateigentums überzugehen. Als ich das geschafft hatte, wusste ich 1. dass ich das Zeug zu einem Volkstribun in der Tradition des Tiberius Gracchus hatte und 2. dass das eine ziemlich brachiale und reaktionäre Zäsur war. Das hätte man auch anders lösen können. Mein schlechtes Gewissen kleisterte ich wie üblich mit Kunst zu, siehe oben. Mit welcher Art von Natur hätte ich das wohl hinkriegen sollen? Hanf? Hopfen? H-Milch?
Sehen Sie.

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