10.06.2017 – Kunst & Ökonomie

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Ohne Untertitel geht in der Kunst gar nichts. Videoinstallation in der Kindl Brauerei in Neukölln, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst. Ich liefere Ihnen hier mal die Phrase des Monats für den nächsten Small Talk: „Waas?! Du kennst das Kindl in Neukölln nicht?! Das ist ein absolutes Must-have, wenn Du bei Avantgarde mitreden willst.“ Das Kindl kennt garantiert keine Sau, ich hab’s auch nur per Zufall beim Cruisen durch Neukölln entdeckt. Besuch lohnt sich.
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Kindl – altes Brauhaus, jetzt Cafeteria.
Überhaupt naht ein Sommer mit einem phänomenalen Angebot an Kunst: Documenta in Kassel, Skulpturenprojekt in Münster, Maden in Germany in Hangover, und das ist nur der Mainstream. Bei aller Verrohung der Sitten und des Niedergangs der res publica: „Wir“ sind nach wie vor eine Kulturnation. Auch in der Kultur wie in der Bildung, im Wohnen, in der Gesundheit und im Geld eine tief gespaltene Gesellschaft, die immer mehr Menschen von der Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum ausschließt, aber die BRD, um das ideologische „Wir“ mal außen vor zu lassen, hat genug von allem für alle. Es gibt eine einfache Formel für eine bessere Gesellschaft: Umverteilung + mehr Teilhabe = mehr Gerechtigkeit.
Und für Künstler_innen angemessene Produktionsbedingungen schaffen. Abseits vom Ethik-Gesumse und Kultur-Blabla ist Kunst ein knallharter Wirtschaftsfaktor, es geht im Kampf um die High Potentials für jede Region darum, Kultur als Standortfaktor anzubieten.
Aus aktuellem Anlass drucke (?) ich hier den Artikel „Sonderfall Kunstmarkt“ ab aus dem Katalog des Kunstprojektes „Armut? Das ist doch keine Kunst!“ das 2013 begann. Den Materialband gibt es hier: Materialband – Armut – Das ist doch keine Kunst!
„Armut? Das ist doch keine Kunst!“ ist das umfangreichste und nachhaltigste Projekt, das ich bisher organisiert habe. Es thematisiert den Zusammenhang von Kunst und Ökonomie.

Sonderfall Kunstmarkt
(aus: Katalog „Armut? Das ist doch keine Kunst!“, Hannover, 2013, Seite 18 – 20)
Je mehr Wertschätzung sich die Kunst in Deutschland erfreut, desto prekärer wird die Situation der Künstler. Der Kunstmarkt spiegelt die allgemeine Situation in Deutschland wider, größere Spaltung in „oben“ und „unten“. Der Maler Gerhard Richter ist mit einem Vermögen von ca. 200 Mio. Euro einer der 500 reichsten Deutschen. Auf der anderen Seite verdienen mit künstlerischer Arbeit 68 % aller Befragten weniger als 5.000 Euro im Jahr, der Mittelwert liegt bei 1.362 Euro, laut einer Umfrage des Bundesverbandes Bildender Künstler und Künstlerinnen (BBK) von 2011.
Dabei besitzt Kunst einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert: 2007 hatten Museen und Ausstellungshäuser 133 Mio. Besucher. Im Vergleich: Die Bundesliga hatte gerade mal 17,5 Mio.
Abseits von Wertschätzung generiert der sogenannte Kreativsektor enorme Wertschöpfung. Seine elf Branchen von Architektur über Musik, Kunst, Film bis zu Software erzielten im gleichen Jahr 140 Mrd. Euro Umsatz mit 763.400 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Die Landwirtschaft schaffte mit 42 Mrd. Euro noch nicht einmal ein Drittel.
164.555 sozialversicherte Künstler gab es 2009 in Deutschland mit einem jährlichen Durchschnittsverdienst von 12.000 Euro . Davon waren ca. 75.000 bildende Künstler, was für Hannover rechnerisch ca. 450 bedeutet. In die Künstlersozialversicherung wird aber nur aufgenommen, wer mehr als 3.900 Euro im Jahr mit künstlerischer Arbeit verdient. Diese Hürde ist für viele zu hoch. Bei einem Highlight der hannöverschen Kunstszene, dem jährlichen Zinnober Kunstvolkslauf, werden Künstler, die abseits der dort handelsüblichen Postkarten und Poster ein „richtiges“ Werk verkaufen, von Kollegen bestaunt wie weiße Raben. Die teilnehmenden Galerien und Ateliers müssen vielmehr noch Teilnahmegebühren bezahlen. Angesichts des Marketingeffektes für die Stadt durch diesen Event eine eher irritierende Maßnahme. Kunst und Kultur sind zunehmend wichtige Standortfaktoren im immer härterer werdenden Kampf um die eigene Attraktivität als Wirtschaftsstandort.
Zitat: „Die Beliebtheit einer Stadt hängt nicht von ihrem Konsumangebot ab, sondern von ihren kulturellen Einrichtungen. Ein Unternehmen, so wenig ihm auch an Kultur gelegen sein mag, schätzt ihre Angebote als Standortfaktor und rechnet sich die Anerkennung, die die Stadt durch ihre Ausstrahlung genießt, als eigene Leistung an. Die Kultur macht die gute Adresse des Standorts, und die ist umso besser, je mehr die Stadt von sich reden macht.“
aus: Hannelore Schlaffer: „Die City. Straßenleben in der geplanten Stadt“, zu Klampen Verlag.
Das Buch sollte Pflichtlektüre bei kommunalen Entscheidern und in den Führungsetagen von Unternehmen werden.
Ein Hund kostet bei Film und TV pro Drehtag 350 Euro, ein ausgebildeter Tänzer ist für 221 Euro zu haben. Da würde sich mancher gerne zum Affen machen. Die bringen es auf 1.500 Euro pro Drehtag.

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