14.10.2017 – Niedersachsen-Wahl 15.10: Wahltag ist Zahltag

gregor-gysi
Gregor Gysi im Wahlkampf. Der einzige Politiker, von dem ich mir ab und zu in öffentlicher Rede gerne mal die Welt erklären lasse. Nicht aus Erkenntnisinteresse, Gott bewahre, ich weiß selber, wie der Laden läuft. Sondern aus reiner Lust an seiner Rhetorik: lebendig, spontan (natürlich mit Standards, wenn er Glas Wasser nimmt, kommt jedes Mal: „Oh, das ist ja Wodka. Macht nichts.“ Aber auch Standards kommen immer überzeugend über die Rampe), humorvoll, präzise im Spannungsaufbau und Timing, selbstironisch bei aller Selbstverliebtheit, kurz, die ganze Palette jüdischen Intellekts und Humors, von der „wir“ seit dem Faschismus abgeschnitten sind. Stattdessen kriegt Til Schweiger demnächst den Ernst-Lubitsch-Preis. Wehe den Besiegten. (Abgeschnittene Paletten, das ist ja auch ne schräge Metapher, aber ich hab keine Zeit und Lust zu feilen).
Ich geh wählen. Ich bin seit Jahren der Ansicht, dass man den Staat als eine der letzten zivilisatorischen Klammern vor der Gesellschaft, die Mob-Tendenzen annimmt, schützen muss, selbst durch solch fragwürdige Instrumente wie Wahlen.
Ich bin auf den Wahlausgang gespannt wie lange nicht. Es wird knapp und dabei habe ich schon ein paar Wünsche: Die Linke möge reinkommen (wg. Politik) , die Grünen mögen glatt über 10 Prozent kommen (wg. Thomas Schremmer, der mit Listenplatz 16 nur dann wieder in den Landtag kommt und der einzige in seiner Fraktion ist, der das Wort soziale Gerechtigkeit richtig buchstabieren kann) und Cornelia Rundt, SPD, möge Sozialministerin bleiben (wg. Sachverstand, die Frau weiß bis ins Detail, wovon sie redet.)
Mein Herz hängt an keiner dieser Parteien, das hängt an ganz anderen Geschichten. Und Adrenalin & Endorphin ist da auch nicht drin. Es wird einfach prickelnd. Auch für mein Alltagsleben. Gibt es Rotrotgrün, hab ich mehr Arbeit, einfach, weil Armutsbekämpfung dann einen anderen Stellenwert kriegt. Will ich aber nicht, ich will wie weiland Goethe für ein Jahr nach Italien, präziser: Berlin. Gibt es schwarzgelb, wird eventuell die Landesförderung für die LAK gestrichen, weil in deren Sicht der Markt die Armutsfrage löst. Wie bei allen NGOs und fast allen Verbänden ist unsere Arbeit von Fördermitteln der unterschiedlichsten Art abhängig. Das treibt mir allerdings keine Sorgenfalten auf die Stirn. Soweit kommt es noch, dass ich meine Jobs von CDU und FDP abhängig mache, hier der passende Soundtrack zu diesem Satz.
Und eins noch an die Linken, die wegen Arbeiterverrat der Agenda 2010-SPD immer noch wie enttäuschte Liebhaber mit antikoalitionären hochemotionalen Hasskappen rumlaufen: Politik ist eine Frage von Verstand & Interesse und nicht von enttäuschter Liebe. Liebe findet im Schlafzimmer statt, nicht im Parlament.
Guggenheim
Jetzt weiß ich auch, wieso ich mich vor einiger Zeit mal so fürchterlich fehl am Platze in dem Laden gefühlt habe …

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