19.10.2017 – Inhalte werden überschätzt. Wir leben in einer Bilder-Welt.

Ich hatte einen Fachtag am Hacken, den man als Erfolg bezeichnen kann.
fachtag lange schlangen
Die Teilnehmer*innen drängelten sich regelrecht vor den Anmeldelisten. Details hier.
Stress macht mir die Organisation von sowas nicht. Mittlerweile sind immer über 10 Verbände mit im Boot, mit ausgewiesenen Experten, Bereichsleiter und so Zeug, die auch reichlich Organisationserfahrung haben. 2,3 Sitzungen und das Ding ist eingetütet. Was nicht klappt, wird wegimprovisiert.
Und wenn ich eins gelernt habe, dann das:
Inhalte werden überschätzt.
Fachtage sowieso. In meinem Bereich werden da eh nur die bereits Gläubigen nochmal bekehrt. Inhalte werden verschriftlich für die Dokumentation nachgereicht und schlimmstenfalls heuert man jemanden ab, der dokumentiert das Ganze auf Video, das stellt man dann online und verkauft das als E-Learning, da verkauft man seine eigene Dokumentations-Faulheit noch als digitalen Lernprozess.
Es gibt allerdings ein paar Sachen, die dürfen unter gar keinen Umständen in die Hose gehen, denn sonst kriegt dieser Fachtag ein Label, das einem sein Arbeitsleben lang wie Scheiße am Hacken heften bleibt.
1. Das Catering muss klappen. Ein sechsstündiger Fachtag, bei dem das Catering nicht klappt, da kann man sich gleich die Kugel geben
2. Das Rednerpult für die Sozialministerin muss niedrig sein. Was gäbe das sonst für ein Bild mit jemanden, der Gregor Gysi nicht weit überragt, und sich am Mikro den Hals nach oben verrenkt.
Unsere Sozialministerin ist hochkompetent bis ins Detail,
Cornelia-Rundt
hat einen feinen Humor. Und führt eine ebensolche, aber sehr scharfe rhetorische Klinge (Foto: El Practicanto). Ich war mal auf einer Veranstaltung mit ca. 300 Leuten bei einem eher konservativen Verband, bei der einer der Chefs des Ganzen ihr als Willkommensgeschenk etwas überreichte, das in ein Geschirrspültuch eingewickelt war. Ich dachte nur: Das ist jetzt nicht wahr, das ist ein Film! Und richtig. Ich habe noch nie jemanden so maliziös im öffentlichen Raum lächeln sehen wie unsere Sozialministerin, kurz und gnadenlos einen Verballeberhaken der finalen Art austeilend: „Oh, wie nett, ein Geschirrspültuch für die Ministerin für Gleichstellung.“ Denn genau das ist sie, was man beim ersten Klick auf der Homepage nachlesen kann: Niedersächsische Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung.
Was für ein Bild wird da mit dem Geschirrtuch produziert?! Frauen raus aus der Politik und zurück an den Herd?
Wie kann man nur so Bilderblöd sein.
Der so zu Recht als Volltrottel Hingehängte erbleichte und tat mir im ersten Moment rein kreatürlich leid. Dann dachte ich aber: „Ok, Du Trottel, wir sind im 21. Jahrhundert und Du brauchst eben die harte Tour.“
Der Mann war ja nicht irgendein Bürobote oder Sachbearbeiter.
Also das mit dem Rednerpult hat bei uns geklappt, wie man oben sieht. Was eine Kleinigkeit aus der Spur lief und mich für ca. 60 Sekunden in den Wahnsinn trieb, war der Mikrofonständer. Die Stellschraube im Gelenk hatte sich unmerklich gelockert und das Mikro begann sich gaaanz langsam zu senken. Zwei, dreimal dippte die Ministerin es kurz an, umsonst, sie ging gar leicht mit dem Kopf hinterher und fixierte dann das bösartig weiter sinkende Mikro kurz wie eine Kobra das Kaninchen, während ich 1000 Tode starb und überlegte, wann ich intervenieren sollte. Was ja nur nervt, wenn mitten im Vortrag einer vor der Vortrags-Nase rumwuselt, verzweifelt überall rumschraubt und am Ende bricht das Rednerpult zusammen.
Ich sah die Ministerin vor meinem inneren Auge schon wieder maliziös … siehe oben: „Herr Gleitze, haben Sie zum Abschied für mich „Vorsicht, Kamera!“ eingeladen?“.
Als ich dann endlich aufsprang, winkte sie lächelnd kurz ab, nahm das Mikro aus dem Gelenk in die Hand und redete so weiter.
Man muss sich mich fürderhin als glücklichen Menschen vorstellen.
Ich hatte schon das Etikett des Fachtags vor meinem inneren Auge gehabt: Das war der Fachtag, an dem sich die Ministerin den Hals verrenkte.
Worum es inhaltlich ging, weiß doch nach zwei Wochen keiner mehr. Aber dieses Bild hätte Generationen überdauert.
Wie gesagt: Inhalte werden überschätzt.
Und Sie können mir glauben: Wenn ich am Ausgang der Niedersachsenwahl etwas bedauere, dann, dass meine Sozialministerin nicht mehr weitermachen will!

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *