23.11.2017 – Was ist eigentlich ein gutes Leben?

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Großes Auto – gutes Leben?
Was macht ein gutes Leben aus? Gesundheit, gute Beziehungen, ausreichende finanzielle Mittel, befriedigende Arbeit, sonnige Urlaube, Ruhm und Ehre, Friede auf Erden …
Es gibt einige grundlegende Bedingungen (plus individuelle Sonderwünsche), die erfüllt sein sollten, damit jede*r von einem guten Leben sprechen kann. Das ist nicht so schwer zu bestimmen. Anders als bei den Kategorien „glückliches Leben“ oder gar „Was ist eigentlich ein eigenes Leben?“ Also ein selbstbestimmtes Leben jenseits von standardisierter Existenz in einem Wüstenrot-Eigenheim, mit 1,34 Kinder, einem Golf im Carport, 1,27 Lebensversicherungen, einem Druck von Dali über der Sitzgarnitur und einem Amazon-Einkaufsschema, dass mit drei Algorithmen abzugreifen ist. Früher hätte man dazu gesagt: Mit einem Leben aus dem Versandhauskatalog.
Aber diese Metapher ist binnen weniger Jahre so obsolet geworden, wie die, die ich vor 27 Minuten im Deutschlandfunk über die anstehenden Entlassungen bei Siemens gehört habe: „In Görlitz stehen 800 Siemensianer in Lohn und Brot.“
Blödsinn. Wenn überhaupt, kriegen die meisten Siemensianer*innen Gehalt und keinen Lohn, und grundsätzlich ist im ERA (Entgelt-Rahmen-Abkommen) Vertrag von 2003 zwischen Arbeitgebern und IG Metall die Trennung zwischen Lohn und Gehalt aufgehoben: Es heißt Entgelt.
Und es geht für die Kolleg*innen nicht um Brot, also das tägliche Überleben, wie in den Zeiten des Manchester Kapitalismus. Bei „uns“ verhungert keine mehr. Es geht um den Ratenkredit der Leute für ihr Wüstenrot-Eigenheim.
Ich soll mich nicht so anstellen, das ist doch nur eine Metapher? Von wegen. Unsere Sprachebene bildet unsere Bewusstseins-Ebenen ab und Metaphern von „Lohn und Brot und Versandhauskatalog“ zeigen, dass die Verwenderin nicht begriffen hat, in was für einem fundamentalen gesellschaftlichen Wandel wir uns befinden im Zeitalter von Digitalisierung und sozialen Medien. Wenn einer erstmal Verständnis von Modernisierung und Wandel ausgeht, folgt bald die Sprache und am Ende bleibt Wut & Angst.
Was das bedeutet?
Gucken Sie sich mal die Verbrauchskurven von Psychopharmaka an, den Anstieg von Angsterkrankungen, die Wahlergebnisse der AfD und den Ton in den gesellschaftlichen Diskursen.
Auf der Suche nach Originalität und Individualität, also nach einem „eigenen“ Leben, nennen immer mehr Menschen ihre Kinder nach Helden aus TV Serien wie „Games of Throne“. Bei Hochzeiten gehört oft der Transport in überlangen Hochzeitsautos dazu (siehe Foto oben). Aus Gründen der Originalität und Individualität. Ich gehe jede Wette ein, dass solche Ehen ein extrem kurzes Verfallsdatum haben. Es ist erwiesen, dass Ehen, die massenhaft an so originellen und individuellen Daten wie dem 11.11.11 oder 09.09.09 geschlossen werden, signifikant eher geschieden werden als normale.
Ich bin old-fashioned. Ich würde meine Kinder nach der Serie „Augsburger Puppenkiste“ benennen: Blechbüchsenarmee Rolle Roll Roll.
berlin-ist-wie-die-liebe
Und im nächsten Blogeintrag erfahren Sie, liebe Leserinnen, mehr über das Geheimnis: Wie führe ich ein eigenes Leben?
Bleiben Sie drin!

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