24.11.2017 – „Soviel bin ich mir wert! Mein Weg in ein eigenes Leben in 16 Modulen.“

schwarzes-brett
Dialog auf unserem Hausmitteilungsbrett von 1998. Ein früher alternatives Hausprojekt, in dem es oft lebendig zuging, bis hin zu Geburten. Ob es sich bei der in Rede stehenden Zange um eine Grillzange oder ein Geburtshilfe-Instrument handelte, entzieht sich meiner Erinnerung. Ich ordnete gerade gescannte Papierfotos aus der guten, alten, analogen Zeit ein. Da fiel mir das in die Hände. Mich gruselt es ein wenig, wenn ich die ganzen Leute darauf sehe, die mittlerweile gestorben sind, vor der Zeit, wie man so sagt.
Was fast automatisch zum Cliffhanger vom gestrigen Blogeintrag führt, der Frage nach einem guten, nach dem „eigenen“, also autonomen Leben. Es gibt ein Leben vor dem Tod und das will genutzt sein. Für viele Menschen ist ein gutes Leben ein Leben, was jederzeit vollkommen im Rahmen der Erwartungen und innerhalb fester, enger Normgrenzen bleibt, jederzeit planbar und vorhersehbar. Daran ist überhaupt nichts auszusetzten. Im Gegenteil, was für ein Chaos würde herrschen, meinte jede, sich allzeit abseits von Normen und Werten zu halten, sich permanent selbst verwirklichen zu wollen, mit den Mitteln der Kultur gar. Eine ganz und gar schreckliche Vorstellung.
Allerdings produziert der Zusammenprall von Anpassung an Normdruck einerseits und Sehnsucht nach Individualität und Originalität anderseits Kosten: Psychische und gesamtgesellschaftliche. Das hiesige Schlafmittelgetränkte Zentralorgan für Biedermann & die Schnarchsäcke, die Hannoversche Allgemeine, hat seit Tagen eine Dauerbeilage unter dem Thema „Sicherheit“. Sicherheit vor Kriminalität, vor Geldverlust, vor Krankheit, vor Wanderraten, vor dem Leben, was weiß ich. Es ist ganz und gar gruselig, seitenlang, jeden Tag. Was für eine Angst muss in unserer Gesellschaft, die für die Mehrheit die Sicherste ist, die wir je hatten, herrschen. Was für eine Sehnsucht nach einem eigenen Leben.
Diese Angst produziert Aggression, Ausgrenzung, Wut auf das Fremde. Auf Flüchtlinge, auf Obdachlose, auf Andersdenkende, auf Juden, auf Falschparker, auf alles, immerzu.
Wäre ich noch zynischer als ohnehin, hätte Zeit und bräuchte das Geld, schriebe ich einen Lebenshilfe-Ratgeber in Richtung
„Soviel bin ich mir wert! Mein Weg in ein eigenes Leben in 16 Modulen.“
Oder so ähnlich. Auflage 200.000. Mindestens. Solch Zeug verkauft sich wie geschnitten Brot. Ich hab aber keine Zeit. Ich habe eine bestimmte Vorstellung, was mögliche Grundlagen für ein eigenes Leben sein können. Für mich gehört dazu, das Leben als Inszenierung zu begreifen, so zu leben, dass man am Ende des Tages, des Jahres eine Erzählung hat, eine Geschichte – Geschichten, Bilder, die aneinander gereiht eine eigene Dramaturgie aufweisen. Um dem nachzuspüren, was das für einen selber bedeuten kann, wie das konkret aussehen soll, hilft ein Tagebuch. Jeden Tag 100 Wörter, das schafft Disziplin, Struktur, Perspektive und Ideenproduktion im Kopf. Das Leben verfertigt sich sozusagen im Schreiben. Soviel Zeit muss sein.
licy
So geht’s auch. Die Sorge um die eigene Katze. Meiner ging’s damals, 1998, offensichtlich schlecht. Also ab ins Bett, mit Wadenwickel und Hustentee. Das Bild wird keine 10 Sekunden Bestand gehabt haben, dann dürfte das Tier zeternd und tobend in den Garten geflohen sein. Auch schon lange tot. Aber weit nach ihrer Zeit, die ist bei meiner Pflege. auf Menschenjahre umgerechnet, 110 geworden.
Im nächsten Blogeintrag wird es konkreter, wenn es um das eigene Leben geht.
Bleiben Sie drin!

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