13.12.2017 – Muss ich mir das antun?

Aktion-Wohnen-Mahnwache
Aktion und Mahnwache vor der Marktkirche auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover
rathaus
Feierlicher Empfang im Rathaus Hannover anlässlich der Verabschiedung eines Verbandsoberen.
Die Aktion auf dem Weihnachtsmarkt fand mit der Gruppe Gnadenlos Gerecht bei eisigem Wind, Schneetreiben und dummen Sprüchen von saturierten Spiesser*innen statt. Details hier.
Der Empfang im Rathaus kurze Zeit später mit lauter Prominenz wie Sozialministerin, Bürgermeistern, Abgeordneten, Verbandschefs etc. pp., inklusive feinstem Fingerfood und edler Getränke, bei jeder Menge Smalltalk und Netzwerkarbeit (vulgo: Strippenziehen).
Bei beiden Anlässen würde manch Zeitgenossin, aus unterschiedlichen Gründen, abwehrend die Hände heben und sagen: „Das muss ich mir nicht antun. Da würde ich mich unwohl fühlen.“
Ich könnte nun argumentieren: Beides gehört zu meinem Job, da musste ich zähneknirschend durch, wenn man den Job politisch auffasst und politisch was bewegen will, muss man da notgedrungen mitmachen. Stimmt irgendwie. Ist aber nur die halbe Wahrheit. Auch wenn ich mir bei der Aktion derartig den Arsch abgefroren habe, dass ich den Rest des Tages nur noch auf der Wärmflasche zubrachte, und während des Empfangs mir mitunter während selbstgefälliger, elend langweiliger Reden von alten Säcken die Ohren vor Pein geblutet haben: Ich hab Beides genossen. Beide Veranstaltungen waren auf ihre Art ideale Inszenierungen einer spätbürgerlichen Gesellschaft, auf dem Höhepunkt ihrer Selbstvergewisserung. Was aber auch heißt: Im Abstieg begriffen. Von nun an geht’s bergab.
Und ich liebe nicht nur gute Weine, leichte Gespräche und Kungeleien, ich liebe auch das Adrenalin, das dazugehört, wenn man Teil einer dramatischen Inszenierung ist. Mitten drin im Leben. In der Kiste liege ich noch lange genug. Für mich ist die achte der Todsünden: Langeweile. Insofern: geile Show.
Die von der realen Lage natürlich ablenkt. Immer mehr Menschen werden obdachlos. Neulich fanden an einem Abend in Hannover vor tausenden Zuschauern Veranstaltungen mit einem homophoben Antisemiten namens Xavier Naidoo, und Blut und Boden-Rammstein Epigonen namens Völker(!)ball statt. Neofaschistische Ästhetik im Mainstream der Jugendkultur.
Und in Berlin wütet palästinensischer Mob mit „Tod den Juden“ Parolen ungestört auf den Straßen. Wieso bildet die Polizei da keinen Kessel? Wieso wird da keine Anklage erhoben gegen die Täter*innen? Und wieso werden die dann im Zweifel nicht ausgewiesen? Antisemitismus ist inakzeptabel, bei aller Konsequenz und Härte des Rechtsstaates.
Der Blick auf die Realität ist so frustrierend, dass ich mich schon wieder auf die nächste Inszenierung freue. Ideal fände ich eine Hybridveranstaltung:
eine Stunde draußen „Spießer ärgern“ Action bei eisiger Kälte, dann alle rein in den warmen Festsaal und ordentlich Schampus abpumpen. Ohne Ansprachen.

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