24.12.2017 – Wie ein Spiegelsaal im Schloss und ein Klavierkonzert mit großem Orchester.

das letzte analoge foto
Mein letztes analoges Foto, März 2003, Nizza, Skulptur im Park des MAMAC (Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain). Danach habe ich nur noch digital fotografiert. Der Wechsel von analoger auf digitale Arbeit ist für jeden Arbeitsbereich von epochaler Bedeutung, für Kulturproduzenten umso mehr, als es die Art der eigenen Erzählweise nachhaltig verändert. Es geht nicht nur darum, (im Sine Walter Benjamins) auf der Höhe der zeitgenössischen Produktionsmittel zu bleiben, weil man sonst nicht nur künstlerisch, sondern auch gesellschaftlich abgehängt wird. Es geht auch um die Verbesserung der Qualität der eigenen Arbeit und eben um andere Erzählweisen. Digital ist schneller, vielfältiger, kommunikationsfähiger, aber auch beliebiger, flüchtiger, unkonzentrierter. Schreiben Sie Ihren nächsten Text mal mit der Hand, dann verstehen Sie, was ich meine. Wer sich diese Produktionsweise zurückkoppelt, ändert seine Sichtweise auf die sich eh dauernd ändernde Welt. Man schreibt zum Beispiel im Strom der anschwellenden Bilder filmischer.
Wehmütig wird mir aber schon beim Betrachten der Scans meiner alten Papierbilder. Diese Riesenapparate damals und was die für Geräusche machten. Und dieser Akt des Filmeinfädelns. Und was für eine verwunschene, verschwundene, grobkörnige Welt das anscheinend damals war. Und dieses Warten auf die Bilder! 18 x 13 cm Format im Sonderangebot 18 Pfennig, sonst 36. Da lohnte sich schon das Warten bei drei 36er Filmen. Fuji oder Kodak? Das war hier die Frage ….
Ganz zu schweigen von den abgebildeten Personen oder Gegenständen. Viele davon tot, verschwunden, abgerissen.
fusgängerbrücke
Wie diese Fußgängerbrücke am hiesigen Ihme-Zentrum. Früher als hässliches Monstrum geschmäht, erscheint sie mir heute, wenige Jahre nach ihrem Abriss, als kühn, dynamisch, optimistisch, mit einem Hauch Humor gar. Für mich ein zeitgenössischer Klassiker. Verschwunden. Fragen Sie in weiteren 10,15 Jahren mal die Eingeborenen hier danach. Kann sich keine Sau mehr dran erinnern. So wird unsere Identität fragmentiert.
Die Frage ist halt immer, was sollen wir erhalten und wo brauchen wir Modernisierungsschübe, die die Individuen nicht überfordern.
Und wo bleibt das Positive? Hier: Beschreibung meines Weihnachtsweines Merler Königslay Terrassen:„Wunderbarer reifer Riesling-Duft, kräftig nach weißen Pfirsichen sowie wie wenn die Obstblüte in der Luft liegt; hocheleganter, ausgereifter Körper mit Finesse und Länge und einem eleganten, geradezu aristokratischen Finish – wie ein Spiegelsaal im Schloss.“
Oder auch in der edelsüßen Variante:
„Edle Riesling-Nase mit Noten von Pfirsichen, Biskuit, Zitronat unterlegt von viel Frische, üppig vollmundiger Körper mit heller Frucht und betörender Süße; wunderbar fruchtig-reife Rieslingnoten im Finish, deren edle Reife immer weiter zunehmen wird – ein Wein wie ein Klavierkonzert mit großem Orchester.“
Spiegelsaal im Schloss bei Klavierkonzert mit großem Orchester, und das in meiner Butze. Dass Weinachten auf meine alten Tage noch mal so ergreifend werden könnte, schnüff.
Prost, liebe Leserinnen.

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