11.03.2018 – Notdurft auf dem Trottoir

artefakte
Die Mehrzahl der Menschen unter 30 weiß nicht, was das ist. Papierfilme ASA 200, ein Konica mit 24 Bildern und Fuji mit 36 Bildern. Analoge Artefakte aus einer Zeit vor der Jahrtausendwende. Allein die Angabe der extrem begrenzten Bilderanzahl wirkt auf einen Digitalinski absurd. Die Vorstellung, dass man auf das fertige Produkt Bild mitunter tagelang, ja Wochen warten musste, ist für digital groß Gewordene vermutlich ebenso grotesk wie die Vorstellung, dass es mal eine Zeit ohne Internet gab, Zähne ohne Betäubung gezogen wurde oder man seine Notdurft Nächtens via Nachtgeschirr einfach auf die Straße kippte.
Was mich am Technologie-Wandel von Fotografie interessiert, sind Fragen nach unserer Wahrnehmung, nach dem Begriff des Originals (also Einzigartigkeit, Aura, Authentizität) und danach, wie sich durch Technologiewandel unsere – eigene – Kulturproduktion verändert.
Das Foto oben ist digital via Smartphone gemacht. Das nehmen Sie aber als solches nicht wahr. Was Sie wahrnehmen: ist das Bild interessant, langweilig, heiter, sonnig, unscharf etc. Die Frage nach der eventuellen Binärcodierung spielt bei der Wahrnehmung keine Rolle. Ebenso kaum noch eine Rolle spielt die Frage nach dem Original. Ein Foto ist heute seiner Aura beraubt. Der Papierabzug war etwas Einmaliges, Auratisches. Dass auch er reproduzierbar ist, spielt bei der Primärwahrnehmung, wenn man das Bild erstmalig in der Hand hält, keine Rolle. Ein Papier-Foto kann ein Schatz sein, ein Digitalbild ist die Summe von Nullen und Einsen.
Verändert der Technologiewandel unsere eigene Kulturproduktion? Zeitgenössisches Schreiben ist ohne die Vorstellung von Bildwelten im Kopf nicht möglich, wir schreiben, wie wir Bildwelten wahrnehmen, Videos, Filme, Plakate, Fotos. Wer nicht selber Bilder produziert, stößt an Grenzen. Ich merke Texten an, ob sie von Leuten geschrieben sind, die fotografieren, filmen, sich auf Bildwelten einlassen. Bildwelten, analog oder digital egal, erzeugen andere Dynamiken, einen Sog, Flow, sogar Rausch. Da hab ich jetzt aber kein Primär-Beispiel parat. Nur ein Rauschbeispiel über Vorbande. Ein Bild meiner Stammkneipe, ein klassisches Beispiel von Aura.
lorberg
Das Lorberg in Hannover-Linden. Ich wohne in einem sogenannten Szene-Kiez, was nichts anderes ist als eine Ansammlung von pseudoalternativen austauschbaren Besäufnis-Hallen, schlimmstenfalls mit TV Bildschirmen, wo sich Massen von Fussballproleten ins Koma saufen und hinterher ihre Notdurft auf dem Trottoir verrichten – siehe Mittelalter. Es gibt noch zwei Wirtshäuser, die hier, und nur hier stehen können, und nicht im Schanzenviertel oder in Kreuzkölln, und in denen es gepflegte Gastlichkeit gibt, das eine ist das Lorberg. Und ja, das Foto ist Scheiße, im Kneipendunkel mit Smartphone, da lacht doch jeder Hasselblad Analog Filmer. Ich bin mittlerweile sogar zu faul, meine Digitalkamera einzupacken. Schlimme Zeiten.

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