19.04.2018 – Zorn ist ein Gericht, das kalt genossen werden sollte

weinkarte
Weinkarte des Restaurant Chantecler im Hotel Negresco
Bestimmte Einschnitte im Leben bescheren einem nahezu naturwüchsig Folgeereignisse:
Die Geburt ein Trauma, das Abitur den Führerschein, eine Hochzeit Ärger bis zur Scheidung und der Tod einen Sarg. Mir bescherte ein altersgemäßer Einschnitt – der Tod war es nicht – einen Urlaub in einer Hotellegende, im Grand-Hotel Negresco. Nichts ist mehr so wie es früher war, wo ein Negresco für Frieda Normalverbraucherin unerschwinglich war. So ein Urlaub im Sonderangebot zu günstigen Zeiten kostet da wesentlich weniger als ein Urlaub in der Toskana zur Hauptreisezeit, wobei die Toskana für den Mann von Welt ein absolutes No-Go ist auf Grund der Anwesenheit von Proleten wie dem ehemaligen Steinewerfer und Außenminister Joseph Fischer. Ein echter Linker tut sich nicht gemein, diesen und einige andere Grundsätze werde ich hegen bis ins hohe Alter und eine derartig ungehobelte Existenz wie „Herrn“ Fischer würde ich in meinem Hotel, käme er zur Vordertür herein, durch die Hintertür vom Haushandwerker entsorgen lassen. Der in meinem kollektiv geführten Hotel das gleiche Gehalt bezöge wie der Geschäftsführer.
Soviel wohlfeiler Klassenkampf muss sein.
Das Chantecler habe ich mir natürlich verkniffen, so dicke habe ich es auch nicht, und in Nizza kann man an jeder Ecke in niedlichen kleinen Restaurants für einen Bruchteil excellent speisen.
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Wie hier im chat noir /chat blanc. Fünf Tische, vier Gerichte und man lebt für einen Abend und bezahlbares Geld wie Gott in Frankreich.
Natürlich brach sich auch im Negresco mein Dünkel Bahn: jede Menge russische Geldmafia mit ganz unansehnlich gebotoxten Frauen, an deren Gesichtern und Brüsten Chirurgen sich ein Vermögen ermeißelt haben dürften in jahrelanger Feinarbeit und dazugehörige Boxervisagen, die mich selbst im TV gegruselt hätten. Ich dachte nur: mach das weg.
Der Zorn des Gerechten aber überfiel mich angesichts der Kunst im Negresco, die überall und ohne Ausnahme hochgelobt wird. Nun graust es den Connaisseur beim Anblick von Chagalls und Dalis, aber darüber kann man mit Fug und Recht und mit Notabiturienten gerne diskutieren. Das ist kanonisierte Kunst.
Die nur einen Makel hat: Sie kann weg.
Ansonsten hängt da soviel zeitgenössischer Müll an den Wänden, dass ich jeden Morgen schreiend das Etablissement verlassen habe. Was auch nicht immer zur Steigerung der Laune beitrug. 20 Schritte weiter am Strand, das Negresco liegt direkt an der Strandpromenade Quai des Anglais, wo 2016 ein islamistischer Terrorangriff 86 Tote forderte, liegen Obdachlose auf Pappen in Schlafsäcken.
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Obdachlose am Strand von Nizza
Ich habe kein Problem damit, im Urlaub ein paar Euro auszugeben, unter anderem dafür arbeite ich. Aber 20 Schritte von Obdachlosen entfernt in einem Hotel zu wohnen, in dem eine Flasche Wein vermutlich soviel kostet wie der an staatlicher Unterstützung im Jahr erhält, das erweckte doch den Zorn des Klassenkämpfers in mir.
Ich ertränkte ihn abends im chat noir /chat blanc.
An der Zornfront kann ich mich in heimatlichen Gefilden noch genug austoben, wobei Zorn wie Rache ein Gericht ist, das kalt genossen werden sollte.
Ihnen, liebe Leserinnen, sonnige Tage.

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