28.04.2018 – Über die Verlagerung meines Lebensmittelschwerpunktes

28.04.2018 – Poesie und Humor
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Frankfurt, Skyline.
„Há, aqui, anticapitalistas“, so wie hier in Lissabon 2012 wird es auch auf dem hiesigen 1. Mai beim Marsch wieder einige wackere junge Leute geben, die ihrer lauteren antikapitalistischen Gesinnung derart rhythmisch Ausdruck geben, mir und anderen zum Wohlgefallen. Sie taugt doch mitunter, die Jugend. In diesem Jahr hat man den hiesigen Abmarsch-Ort für den Demo-Zug zur zentralen Feier ein paar hundert Meter nach vorne verlegt. Wollte man damit dem Umstand Rechnung tragen, dass es nicht nur immer weniger Teilnehmerinnen gibt, früher gab es noch drei Marschkolonnen statt einer, sondern dass die Restgenossinnen auch immer älter und fußkranker werden?
Ich hab Fitness heuer etwas schleifen lassen, muss meinen Body vor Beginn der Strandsaison unbedingt shapen, bin aber von der Grundfitness her tendenziell bei einem 30 km Gepäckmarsch noch locker dabei. Die Fitness-Frage stellte sich mir beim Räsonieren über meine nach dem 1. Mai anstehende temporäre Verlagerung meines Lebensmittelpunktes nach Berlin. Dass ich damit nicht ganz im Reinen bin, zeigt ein putziger Versprecher. Als ich unlängst diesbezüglich Kumpels ins Benehmen setzte, war die Reaktion ein Lachen:
„Du hast gesagt: Lebensmittelschwerpunkt“.
Sei’s drum, ich komme in ein Alter, wo man die Dinge, die man schon immer mal machen wollte, jetzt und nicht demnächst machen sollte.
Nicht, weil ich Gevatter Hein in meiner Planung hätte. Göttin bewahre. Mit dem Tod würde ich planen bei Bauchspeicheldrüsenkrebs im T 4 Stadium, wo man letztlich schon töter als tot ist, und selbst dann noch nicht, weil ich eine umfangreiche Liste zum Abarbeiten hätte und keine Zeit zum Sterben. Auch eventuell fehlende Fitness – siehe oben – würde bei meinen Plänen und Utopien keine Rolle spielen. (Die dämlichste war, als ich jenseits der 40 nochmal durch Europa trampen wollte. Schon damals trampten nur noch frisch entwichene Schwerverbrecher und Psycho-Verpeilte. Man hätte mich bei der 2. Autobahnauffahrt von der Straße weggefangen, nach 4 Tagen vergeblichen Wartens.)
Es geht bei der Realisierung von Plänen eher um möglicherweise fehlenden mentalen Biss, eine emotionale Grundhärte, sich auf was einzulassen, was einem fremd ist. Was das ist, sieht bei jeder anders aus, und vielen fehlt die Härte grundsätzlich. Die gehen nach dem Eintritt ins Berufsleben schon nahtlos in die Verwesung über.
Irgendwann sitzt man halt im psychopassiven Schaukelstuhl und wenn man’s merkt, ist es meist zu spät.
Das Leben ist schon die Härte.
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Es muss einen ja nicht gleich so übel erwischen wie den armen Simson, der geblendet wurde. Hier das Bild „Die Blendung Simsons“ aus der famosen Rubens-Ausstellung im Frankfurter Städel. In der Ausstellung kann man direkt im Vergleich zu zeitgenössischen Kollegen von Rubens sehen, was für ein überragender Künstler er war.
Dem biblischen Simson wurden übrigens vor der Blendung die Haare abgeschnitten, eine symbolische Kastration. Und ich muss demnächst wieder zum Putzer, wie wir früher sagten. Seufz.
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Waschechte Antikapitalisten sitzen natürlich hier, im Frankfurter Bankenviertel. Sie arbeiten mit daran, dass das System „(Industrie-) Kapitalismus“ sich selbst zerstört, nachdem es ca. 250 Jahre funktioniert hat. Jedem System liegt der Kern der eigenen Zerstörung inne, so auch diesem. In diesem Sinne, liebe Genossinnen Banker:
„Há, aqui, anticapitalistas“.

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