01.05.2018 – Mein Roter 1. Mai

petrus
Mit einem 1974er Petrus. Der Château Petrus ist einer der teuersten Rotweine der Welt. In Fachkreisen sagt man auch nicht Château, sondern wegen der Sonderstellung des Weines einfach: Petrus. Eine 0,7 Liter Pulle dieses Jahrgangs kostet um die 1.500 Euro. Die abgebildete Flasche, wäre eine sogenannte Sovereign mit 50 Liter Fassungsvermögen und würde mehr als das entsprechende Vielfache einer Normalflasche kosten, weil da die Regel gilt: Je mehr Volumen die Pulle, desto mehr Körper der Wein. Die abgebildete Flasche dürfte also den Gegenwert eines Eigenheimes haben. Ich habe in meinem Leben natürlich noch nie einen Petrus getrunken und werde auch nie einen trinken, aber ich dachte mir, als Korrektiv zum meinem normal roten 1. Mai passt das Foto ganz gut. Klassenkampf sollte immer auf höchstem Niveau stattfinden, intellektuell, kreativ und luxuriös.
Ich hab so viel Lust auf direkte Aktion heute wie ein Schwein zum Radfahren. Es ist unter 10 Grad, es nieselt und Gewerkschaften gehen mir eigentlich auf die Eier. Strukturkonservativer als der Vatikan, im Apparat so abgehoben vom normalen Leben wie das Bundeskanzleramt und kulturlos wie ein Sack Sülze. An die Entwicklung der Arbeitswelt der letzten 20 Jahre haben sie komplett den Anschluss verloren mit ihrer Konzentration auf festangestellte Kernbelegschaften. Dass sich die Arbeitswelt zunehmend in ein nomadisierendes und prekarisiertes Digital- und Kulturproletariat verwandelt hat, um nur einen Aspekt rauszugreifen, wird sich bis zu deren Pensionierung nicht in die Schlichthirne der Hauptamtlichen fräsen, die immer noch Sätze delirieren wie: „Wir müssen die Leute von der Straße holen und in Lohn und Brot bringen.“ Dem Nächsten, der solchen Sprachmüll absondert, schmeiße ich ein drei Monate altes Weißbrot an den Kopf.
Wie sonst wäre unter anderem die komplette Diskussionsverweigerung gegenüber dem Bedingungslosen Grundeinkommen zu verstehen, die der DGB und die IG Metall vor dem 1. Mai demonstrieren? Es gibt gute Gründe dagegen, aber einen auf bockig und pampig zu machen, verkennt komplett die ökonomische und damit von ständigen Existenzängsten getragene Lebenswelt des digitalen, kulturellen und Dienstleistungs-Prekariates. Das sind viele Millionen. Wenn die auf der Basis der aktuellen DGB Diskussion zukünftig nur das Wort Gewerkschaften hören, packen die ihren Mac zusammen und suchen das Weite.
Diese ganze Gewerkschaftskacke hat nur einen Haken:
Es geht nicht ohne sie.
Nach wie vor zählt der Klassengegner, der Arbeitgeber, der Unternehmerbonze, bei jedem Konflikt, egal ob Tarifauseinandersetzung oder was auch immer, die Truppen, die die andere Seite, also wir, auf die Straße bringt. Das zählt und sonst nichts. Soziale Medien, Online Petitionen – drauf geschissen. Das rührt die überhaupt nicht, weil sie wissen, da sitzen individualisierte Nomaden an ihrem Smartphone und kriegen sonst nix auf die kämpferischen Reihen. Außer vielleicht noch solche tollen Blogs vollkritzeln wie diesen hier.
So einfach wird der Drops gelutscht, compañeros.

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