28.05.2018 – Totenmesse

requiem
Aufführung des Requiem von Berlioz im Kuppelsaal von Hannover. Das Stück wird wegen des gewaltigen Aufwands nur selten aufgeführt: 300 Chorsängerinnen, mehrere Orchester und im gesamten Rund des Kuppelsaals verteilte Bläsersektionen. Als Angehöriger der Generation Rock’n Roll bin ich mit Riesen Marshall-Türmen groß geworden, mit denen 10.000e Watt von der Bühne geblasen wurden, dass einem mitunter das Bauchfell vibrierte. Daher ist mir bei klassischer Musik selbst in den lautesten Lagen der Schalldruck, der über die Rampe kommt, nicht beeindruckend genug. Da stößt dieses Medium im Zeitalter der Verstärkertechnologie bei mir an seine Grenzen. Die Aufführung vom Requiem war hier allerdings überwältigend, das Hörerlebnis kippte bei mir regelrecht ins Körperliche, als im Fortissimo von allen Seiten die Bläser volles Brett nach vorne ihr Gebläse in Gang setzten. Bei der Uraufführung sollen Leute in Ohnmacht gefallen sein.
In Ohnmacht gefallen wäre ich beinahe aus ganz anderen Gründen bei diesem Symbol-Bild vor der SPD Parteizentrale, dem Willy-Brandt-Haus, in Berlin.
SPD
Wohnungslose warten vor der SPD Parteizentrale auf die Räumung der Baracke. „Baracke“ war der Spitzname der früheren SPD Parteizentrale, dem alten Erich-Ollenhauer-Haus). Heute ist Baracke die Zustandsbeschreibung für die SPD, deren Agenda 2010 mitverantwortlich ist für wachsende Armut und Wohnungslosigkeit. Insofern wäre der Bezug der SPD-Parteizentrale durch Wohnungslose nach dem Abriss der SPD ein symbolischer Akt von Gerechtigkeit, wäre die Causa SPD nicht ein derartiges Trauerspiel. Bei aller Genugtuung darüber, recht behalten zu haben, dass die Agenda 2010 ein katastrophaler strategischer Fehler für die SPD war – abgesehen davon, dass die Agenda eine moralische Niedertracht sondergleichen war – darf eines nicht vergessen werden: was ist die Alternative zur SPD? Die Alternative für Deutschland. Und das lässt mir jedes Triumphgeheul über die „gerechte“ Strafe der Geschichte für die SPD im Halse stecken. Was wir erleben, ist die Komposition einer gesellschaftlichen Totenmesse für eine Partei, in Echtzeit.
Bei der Berlioz Aufführung gab es Standing Ovations. Bei der SPD steht der geneigte Zeitzeuge trauernd am Grab und zieht den Hut.
Ich habe das Einverständnis der Abgebildeten eingeholt für die Veröffentlichung des Fotos eingeholt, wenn ich sie als nicht erkennbar veröffentliche. Gerade in Zeiten der DSGVO stellt sich die Frage nach dem Recht auf das eigene Bild wieder. Grundsätzlich gilt:
Das Recht am eigenen Bild des Abgebildeten findet seine Schranken dort, wo andere Grundrechte wie die Pressefreiheit oder die Kunstfreiheit gleichberechtigt Platz beanspruchen.
Ein weites Feld.

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