29.05.2018 – Ein Gespinst geht um in Europa

seiden und andere spinner
Baum mit Seidenraupengespinst am hiesigen Badeteich.
Die Überschrift ist geklaut, eine korrespondierende Sympathisantin schickte mir ein ähnliches Bild mit dieser überaus gelungenen Formulierung, die an die „Ein Gespenst geht um in Europa-Tournee“ gemahnt. Ich kann mir ja nicht alles immerzu selbst ausdenken.
Wobei es nicht stimmt, zumindest nicht für mich, dass der kreative Höhepunkt im Leben vor 30 stattfindet (siehe Einstein und seine Relativitätstheorie, danach kam nix mehr, nur noch die Einheitliche Feldtheorie und die war Murks). Kreativität liegt aus meiner Sicht im Schnittpunkt zwischen schöpferischen Geistesblitzen und Erfahrung, wenn auch nicht ganz so krass gewichtet wie beim alten Kalenderspruch: Genie ist eine Mischung aus 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.
Ich bin bereits jenseits der 30, aber manchmal fällt mir doch noch was Putziges ein. Unlängst kam jemand freudestrahlend auf mich zu und sagte: „Hallo, wie geht’s Dir? Du hast Dich ja in den letzten 30 Jahren überhaupt nicht verändert!“ Ich weiß bis heute nicht, welches Gespenst aus alten Zeiten das war, war aber, wie sich das für einen Eitelkeitsapostel hohen Grades geziemt, über alle Maßen erfreut, ja regelrecht enthusiasmiert. Bis mir meine Bildung mit einer Erinnerung an Brechts Geschichten von Herrn K. dazwischen grätschte:
„Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ – „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte.“
(Bertolt Brecht, Das Wiedersehen).
Und ich erbleichte. Bis der Dialektiker in mir die Verhältnisse zwischen Wesen und Erscheinung wieder vom Kopf auf die Füße stellte. (Ich wiege 6 Kilo mehr als vor 30 Jahren, besitze allerdings einen excellenten Schneider).
Sich nicht zu ändern, was den eigenen Blick auf die Welt und deren Veränderungen angeht, das stelle ich mir als Hölle auf Erden vor. Das dürfte auf der einen Seite permanente Angst produzieren auf Grund von ständiger Überforderung und Erschöpfung. Eine Hauptursache für Realitätsflüchte wie Drogen, Alkohol, Pillen, Esoterik, etc. (nix gegen Drogen, Alkohol und Pillen!) Auf der anderen Seite reduziert das die oben erwähnte Kreativität und raubt Lebenschancen, Perspektiven, neue Erfahrungen.
Soweit das Wort zum Dienstag. Veränderungen spielen sich ja oft hinter dem eigenen Rücken, ungeplant und ungewollt, ab, mikroskopisch mitunter und oft erst spät realisierbar, sie walten quasi subkutan.
Kleines Beispiel: Ich liebe Parks in Großstädten. In Lissabon lasse ich mich gerne mit den alten Trams treiben und wenn ich unterwegs einen Park sehe, steige ich aus und guck mir den an. Die Faszination basiert auf einer Mischung aus Exotik, Ästhetik, Geschichtsinteresse, reiner Schaulust.
alt berlin
In meiner neuen Hood in Berlin habe ich keinen eigenen Garten oder Balkon, also muss ich mir für den Sommer zum Outdoor-Abhängen was suchen. Als ich anfangs die naheliegenden Viktoriapark und Gleisdreieck durchstreifte, war mein Parkblick ein radikal veränderter. Ich scannte die Parks auf Funktionalität: Wo kann ich mit angenehmem Blick relativ ungestört von plärrender Brut und bolzenden Halbstarken der Muße nachgehen, für ein, zwei Stunden kreativer Pause?
Und so schleicht die von mir nicht immer hochgeschätzte Perspektive der „Funktionalität“ in mein Gemüt. Und wer weiß, was die da noch anrichtet?!
Wird schon nicht so schlimm werden. Ich hatte schon ganz andere Krisen in meinem Leben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.