28.08.2018 – Abschiede aller Art


Toto macht zu. Who the fuck is Toto? Toto ist mein Puschen-Italiener. Er ist exakt zwei Häuser von meiner Homebase entfernt und immer, wenn ich keine Lust habe zu kochen oder Essen zu gehen und mir danach zumute ist, klemme ich mir meinen Topf unter den Arm und hole mir bei Toto eine Portion Spaghetti Bolognese. Niemals etwas anderes. Immer mit Puschen. Niemals mit Straßenschuhen. Immer mit dem gleichen Topf. Niemals ein anderer. Ich bin ein Mann mit Grundsätzen. Der Topf ist ein uralter Le Creuset, siehe oben. Sündhaft teuer, ein Geschenk, ich würde mir sowas niemals leisten, und ich würde sowas auch niemals außer Diensten stellen. Ich bin ein Mann von Grundsätzen. Ich bleibe Ideen, Personen und Gegenständen, die es wert, sind ein Leben lang treu. Auch Töpfen. Selbst Salzstreuern. Der Topf ist unglaublich unpraktisch. Er wiegt mehrere Doppelzentner und ist ohne eine Seilwinde kaum zu bewegen. Als ich die ersten Male damit bei Toto auflief, kamen die Köche aus der Küche gerannt, um zu gucken, was das für ein Topfbesitzer sei, unter lautem Mamma mia. Ist ja schließlich ein Italiener. Jetzt nach fast 40 Jahren macht Toto zu.
Das ist ein Abschied, der weh tut. Ich habe den Beiden, Gina und Toto, zum Abschied einen Bildband vom hiesigen Kiez geschenkt und ein Foto, auf dem der Topf abgebildet ist, mit der Bemerkung, dass wir Beide, mein Topf und ich, sie sehr vermissen werden. Toto und Gina haben das Gebinde gleich auf den Thresen gestellt. Ich hätte beinahe Tränchen vergossen. Ich hasse Abschiede. Toto ist bestimmt nicht der beste Italiener hier, aber wenn ich gut dinieren will, gehe ich ins Diekmann in Berlin. Darum geht es bei Toto nicht. Das hat was mit Nähe, Vertrautheit zu tun, immer, wenn ich aus Berlin mit meinem Trolley die Straße langrollere, grüßt als erstes der Toto-Flachbau und ich bin Zuhause. Diekmann ist tolles Essen, aber bloß Geld. Toto kann man nicht kaufen, ist nicht zu bezahlen. 30 Jahre lang immer die gleichen zwei Musik-Cassetten, immer die gleichen Stücke, immer die gleiche Reihenfolge. Irgendwo braucht man auch Dinge, die sich nicht ändern. Toto eben. Auf einer Cassette waren Stücke von, nomen est omen, Toto. Neben dem genial symphonisch aufgeladenen „Rosanna“ auch „English Eyes“, ein eher inferiorer Song, bei dem ich allerdings auch nach 30 Jahren einen blöden Verhörer nicht aus dem Ohr kriege. Im Refrain heißt es „We ran into the night, hypnotized” und ich hab damals immer, weiß der Teufel warum, verstanden: „You ran into the night. Weiß Bescheid.“
Ein Abschied, der wütend macht, ist der vom Nachkriegskompromiss, der unsere Gesellschaft in den letzten 70 Jahren mühselig zusammengehalten hat, hab’s im letzten Blogeintrag erwähnt. Angesichts des faschistischen Massenprogroms in Chemnitz unter tätiger Mithilfe der sächsischen Polizei und Regierung kann man von einem langsam Zerbröseln wohl nicht mehr reden, sondern eher von einem dynamischen Implodieren der Demokratie. Unlängst, vermutlich zum 13. August, hatte ich hier den Wiederaufbau der Mauer, nur 3 Meter höher gefordert. Ich erweitere meine Forderung: „Schießbefehl reaktivieren, dieses Mal nach Osten, unter vorheriger Evakuierung aller demokratischen Kräfte in den Westen, mit sofortiger Asylgewährung.“ Ach ja, Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien rausschmeißen aus der EU und den Eisernen Vorhang wieder hoch.
Ein Abschied, der wehmütig macht, ist der vom Hochsommer, obwohl die Hitze im stinkenden, lärmenden, betäubenden Betonmoloch Berlin in den letzten Wochen mitunter anstrengend war. Aber das war eine regelrecht körperlich singuläre Erfahrung, als Hitze schon morgens wie Watte in den Mund quoll und Gedanken einfach weggedampft wurden. Ich fand’s faszinierend.

Vorgarten einer Villa im Grunewald, wo die Reichen und Schönen wohnen, Geschmack aber nicht der Regelfall ist. Mein erster Gedanke: Das ist die Villa von Walter Momper, jenem Berliner Filz-Sozi, der mir immer mit seinem roten Schal auf die Nerven ging und der wie kaum etwas für den Abschied von der alten BRD stand.
Abschiede, ich hasse sie. Und dennoch, liebe Leserinnen, auch für uns schlägt hier die Stunde des Abschieds. Aber wir hören voneinander. Bleiben Sie drin.

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