01.09.2018 – 100 Millionen gepiercte Ohren


Hannover Innenstadt.
Was ich an Berlin unter anderem schätze: es hat keine Mitte, kein Zentrum. Brandenburger Tor? Potsdamer Platz? Kurfürsten Damm? Alexanderplatz? Berlin-Mitte ist ein ganzer Bezirk und geht gar nicht, weil es das Zentrum der ehemaligen Ostzonen-Hauptstadt ist. Eingefleischte Westberlinerinnen sind nach der Annexion zweimal im Osten gewesen: einmal und nie wieder. Selbst in den Bezirken ist es mitunter schwer, eine Mitte, ein Zentrum zu finden, bei mir in Kreuzberg liegen ziemliche Welten zwischen dem proletarisch-anarchischen SO 36 (nach der alten, vierstelligen PLZ Zuordnung) um den Cottbusser Platz und dem eher künstlerisch-intellektuellen 61 (man darf auf keinen Fall SW 61 sagen, dann enttarnt man sich als Touri und das ist ein übles Schimpfwort im Berlin des 2018) um den Marheineke Platz.
Normale Großstädte, so auch Hannover, haben ein Zentrum und das ist im Zweifel gesichtslos, öde, unwirtlich, ein toter Ort des Konsums. Das Kapital reißt mit tödlicher Sicherheit immer die besten Filetstücke aus dem ehemals lebendigen, zuckenden Körper namens Stadt, verschlingt sie und spuckt sie vollkommen ausgelaugt und verdaut als einförmigen Brei wieder aus. In manchen der wenigen Straßen im Zentrum von Hannover bin ich seit Jahren nicht mehr gewesen, gestern war ich in einer und habe keinen Laden mehr wieder erkannt, da ist kein Inhabergeführter Einzelhandel mehr, nur Franchise, Ketten, mit einer Anmutung, die nur noch lächerlich ist.
Vor dem obigen Laden hielt ich inne und schaute und las, und musste lachen, ich stand und habe laut und lange gelacht, es war ein hilfloses Lachen. 100 Millionen gepiercte Ohren. Ich kann damit nichts anfangen. Wofür wirbt das, was will uns das sagen? Ist die Botschaft: Haltet ein, Ihr Schwachköpfe aller Länder, die Ihr in dem vermeintlichen Wahn der Originalität und Individualität Euch 100 Millionenfach schon Löcher in den Körper habt meißeln lassen und da irgendwelchen albernen Müll reingehängt habt?
Oder wie? Oder was?
Die Leute fingen an, mich im Vorübergehen zu mustern. Mein Lachen wurde verhaltensauffällig und dadurch nicht besser, dass ich eine Geschäftsidee hatte. Irgendwann ist Piercing ja out und muss getoppt werden, Branding hat sich nicht so ganz durchgesetzt. Und in diese Marktlücke stoße ich: Bei mir können sich die Leute Nägel in den Kopf hämmern lassen. Und in 20 Jahren habe ich dann jede Menge Läden namens „klaus’s“, wo überall drübersteht: „100 Millionen Nägel im Kopf“. Ich bin dann reich und berühmt und muss nie wieder arbeiten. Aber bis dahin gestehe ich, dass ich von Teilen der Moderne überfordert bin. Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, ein charmantes und erkenntnisreiches Wochenende.

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