23.10.2018 – Und da wundert sich die Demokratie, wenn ihr das Fußvolk von der Fahne geht.


Schon nicht mehr wahr, obwohl nur ein paar Tage her. Die Erinnerung an Sonne, Sand und 24 Grad warmes Wasser wärmt mir nicht mehr das Gemüt, von den Knochen ganz zu schweigen. Im Gegenteil, die Bilder als Erinnerungssurrogat wecken vor dem Hintergrund von Regen, Sturm und Temperaturen unter 10 Grad vor meinem Fenster umstandslos Reisesehnsucht. Der größte Unterschied zwischen Meer und hier ist für mich das Licht, diese unterschiedlichen Nuancen am Meer, von leicht verschwommen, diesig bis hin zu gleißender, blendender Strahlkraft. Und die Stille beim Radln oder Wandern im Hinterland. Ich wohne an der hässlichsten, dreckigsten und lautesten Straße Hannovers, hab mich dran gewöhnt, ich arbeite sogar bei gekipptem Fenster zur Straße hin, was bei ca. 25.000 Autos Durchfluss pro Tag eine gewisse Konzentrationsleistung darstellt, zumal ich tatsächlich ab und an bei der Arbeit denken muss.
Aber gesundheitsfördernd ist das nicht. Trotzdem war ich neulich stolz auf meine Straße. Mit gewissem Bangen harrte ich der Veröffentlichung jener Straßen, die wegen diesem Umweltgedöns für Diesel gesperrt werden sollen. Ich halte diese ganzen halbherzigen Maßnahmen für regelrecht albern, Brot und Diesel fürs Grün-Volk halt; wenn man sich diesen SUV-fahrenden Mob anguckt, weiß man, dass hier jeder Appell an Vernunft gegen Blech läuft. Aber wenn schon, denn schon, dann will ich mit meiner Straße wenigstens so betroffen sein, dass wir gesperrt werden. Und chakka: meine Straße gehört zu den acht in Hannover, die gesperrt werden sollen. Da kommt schon ein bisschen Lokalpatriotismus in mir hoch, Identifikation mit der Homebase. Ich hab mir gleich ein T-Shirt machen lassen: „Diesel 2019 – ich bin gesperrt!“
Trotz allem würde ich für (fast) alles Geld der Welt hier nicht wegziehen, auch nicht in die entzückende Fliederstraße im hiesigen Univiertel.

Fliederstraße. Kaum bin ich mal einen Tag in Hannover, schon muss ich mir die Hasskappe aufsetzen. 300 Euro Mieterhöhung sind beileibe kein Einzelfall. Modernisierungskosten dürfen mit bis zu elf Prozent auf die Jahresmiete der Mieterinnen umgelegt werden. Balkon hinten dran, Fahrstuhl in Flur, von energetischem Sanierungsgedöns zu schweigen, ruckzuck wird die Miete verdoppelt. 25 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im Niedriglohnsektor zu Löhnen von weniger als 10 Euro. Netto bleiben da bei einer Alleinstehenden in Steuerklasse 1 bei Vollzeitarbeit für 10 Euro/Stunde ca. 1.150 Euro übrig. Da liegt allein die Erhöhung der Miete um 300 Euro in der Fliederstraße schon nahe der allgemein als zumutbar geltenden Kaltmiet-Obergrenze von 30 Prozent des Nettoeinkommens. Und da wundert sich die Demokratie, wenn ihr das Fußvolk von der Fahne geht.
Ich für meinen Teil schließe jetzt mein Fenster, weil ich arbeiten muss. Aber vorher check ich noch im Internet günstige Reiseziele im Süden. Nicht für sofort, bald reicht auch noch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.