27.10.2018 – Hessenwahl oder: Was brauche ich zum Leben?


Mein letztes Hotel-WC. Früher beim Reisen habe ich auf Bahnhöfen gepennt, Parkplätzen, in 10 Zentimeter hohen, jedenfalls in meiner Erinnerung, Zelten. Mittlerweile schätze ich durchaus ein Mindestmaß an zivilisatorischen Standards. Allerdings stellte sich mir beim Anblick von angefaltetem Toilettenpapier und Telefon in meinem letzten Hotel-WC doch die Frage: Was brauche ich eigentlich im Urlaub? So etwas setzt, wenn auch nicht sofort und nicht immer, eine Gedankenkaskade in Gang: Brauche ich überhaupt Urlaub? Wenn ja, am Meer? Mit Flugreisen? Was meinen ökologisch eigentlich sehr ordentlichen Fußabdruck sofort ins Inakzeptable vergrößert. Zerstöre ich mit meinen Urlaubsreisen örtliche Strukturen oder schaffe ich Arbeitsplätze, wenn ja welche, und wo bleibt meine Kohle letztendlich? In der Region?
Wenn ich am Strand liege, lese ich nicht, mit dem Blick in Bücher verstellt man mitunter massiv den Blick in die Wirklichkeit, außerdem ist mir das schlicht zu anstrengend. Ich glotz aufs Wasser und denke. Manchmal. Aber wenn ich in so einer Gedankenkette wie der hier Geschilderten bin, lande ich schon mal am Ende bei den grundsätzlichen Fragen: Was brauche ich überhaupt zum Leben und was will ich noch vom Leben? Bei angefaltetem Toilettenpapier fällt die Antwort leicht. Aber komme ich bei Flugreisen nicht in ein ethisches Dilemma?
Der Vater der Aufklärung (wer war eigentlich die Mutter und was um Marx‘ Willen ist bloß aus den Kindern geworden?) Immanuel Kant hat vier Grundfragen formuliert:
„Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“
Das mit dem „Hoffen“ kann man getrost in die Tonne kloppen, das ist Religionsphilosophie und somit Gedöns; ich hoffe auf einen milden Winter, und Ende im Hoffnungsgelände. Die Frage „Was ist der Mensch“ würde heute, weniger anthropozentrisch, formuliert werden: „Was ist Leben?“ Aber mit dem Rest liegt Meister Kant, obwohl schon tot, nicht ganz daneben. Das ethisch grundierte „Was soll ich tun?“ ist z. B. die letzte Frage hinter der nach den eigenen Bedürfnissen des „Was brauche ich eigentlich zum Leben?“
Vom Scheißhaus zu Immanuel Kant – Reisen bildet, ganz eindeutig.
Wir wollen das „Was soll ich hoffen?“ nicht ganz außer Acht lassen, denn es gibt auch in säkularen Räumen noch quasireligiös Waberndes. In der Politik zum Beispiel, wo Parteitage als messianische Hochämter inszeniert werden, obwohl für die Volksparteien mittlerweile das
Totenglöckchen so läutet wie die “Hells Bells“ von AC/DC. Was also soll ich, um in dieser Sphäre zu bleiben, bei der Hessenwahl hoffen?
Ein einigermaßen undesaströses Ergebnis für die SPD, irgendwas über 20 Prozent. Wer außer der SPD soll sonst die „kleinen Leute“ binden, die jetzt in Scharen den Rattenfängern der AfD hinterherlaufen? Die „Linke“ tut es jedenfalls aus diversen Gründen nicht…
In was für Zeiten leben wir, wenn ich nochmal irgendwas für die SPD hoffe?!
Je älter ich werde, desto spannender finde ich Veränderungen. Aber manchmal könnt’s ruhig etwas commoder sein.
In dem Sinne schönes Wochenende, liebe Leserinnen, und bis Sonntag 18 Uhr.

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