05.11.2018 – Ich hab’s schon gehasst, zu Ostern Eier zu suchen.


Cage of Fortune. Daniel von Bothmer. Kunstverein Hannover, Herbstausstellung 2018.
Käfig des Glücks, ist das nicht ein Widerspruch? Glück im Käfig? Auf den oberen Holmen des Käfigs sind Glasscherben angebracht, ähnlich denen von Eigentumsparanoiden auf den Mauern um ihr Haus. Trautes Heim, Glück allein. Was ist Glück? Wie soll ich leben? Zentrale Fragen unserer Existenz, wohl wahr. Aber wer grübelt eigentlich wie oft darüber? Ich halte mich für einen einigermaßen reflektierten Zeitgenossen, was ich unter anderem deshalb sein muss, weil ich mir schon – bei aller Spontaneität – ab und zu überlegen sollte, was ich in diesen Blog schreibe. Nicht, weil ich berufliche Nachteile befürchte, sondern weil ich nicht Falsches oder Peinliches hier verewigt haben möchte.
Aber die letzten Fragen, nach Glück oder dem guten Leben, stelle ich mir eher nicht. Ich hab’s schon gehasst, zu Ostern Eier zu suchen. Warum sollte ich mich da auf Sinnsuche begeben. Fakt ist allerdings, dass die Sinnsuche, zumal in Zeiten des allgemeinen Zerbröselns von gesellschaftlichem Rest-Kitt, ein flächendeckendes und ausuferndes Bedürfnis ist. Gefühlt jedes zweite Buch ist ein Lebenshilfe-Ratgeber, religiöser Aberglaube (eigentlich eine Tautologie), Esoterik, Psychopharmaka Verbrauch, anschwellende Verschwörungstheorien, all das sind Indizien für eine riesige Sprechblase über diesem globalen Comic: „Wo ist der Sinn?“
Ich gebe im nächsten Blog-Eintrag die Antwort darauf. Begnüge mich vorderhand aber mit der deprimierenden Erkenntnis, dass selbst der Vormarsch faschistoider Tendenzen in unserer Gesellschaft mit dem tief empfundenen Bedürfnis nach Sinn zu tun hat. Das sind nicht nur ökonomische Ursachen, wie der böse Neoliberalismus, der das befeuert. Der Hass, der Rassisten und Antisemiten antreibt, gibt ihrer trostlosen Existenz endlich Sinn. Ich hasse, also bin ich. Auch wenn Hass verzehrend und destruktiv ist, macht er doch lebendig. Er fühlt sich an. Man sagt ja nicht umsonst: lodernder Hass. Warum ist das von Interesse? Aus zwei Gründen:
1. Ist das mit eine Ursache dafür, warum die Strategie „Aufklärung“, Argumente, Appell an Vernunft und Interesse, hier versagt; Hass, das Ressentiment schlechthin, gründet viel tiefer als Vernunft und ist mit jener nicht aufzubohren.
2. Muss ich mich unter anderem auf eine Podiumsdiskussion mit dem hiesigen Bauminister Olaf Lies vorbereiten, , der nächste Politik Talk „Rente muss zum Leben reichen“ will präpariert sein, unser jährlicher Fachtag steht vor der Tür, (Anmelden! Ruck zuck!), gejagt von der Mitgliederversammlung etc. pp. … ehrlich gesagt, habe ich soviel zu tun, dass es sich überhaupt nicht lohnt, damit anzufangen, also schreibe ich hier, munter vor mich prokrastinierend, diesen Blog voll und…

… schaue mir sehnsuchtsvoll Mandelbaumplantagen meines letzten Urlaubs an, und frage mich: Wozu tue ich mir das Ganze überhaupt noch an?
Ha! Da ist sie, die Sinnfrage!
Guten Start in die Woche, liebe Leserinnen, und drücken Sie mir die Daumen, dass ich da heile rauskomme.

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