10.11.2018 – „Wir sind in allem Weltmeister, aber allen anderen geht’s besser als uns.“


Veranstaltung Begegnungsstätte der katholischen Kirche ka:punkt in Hannover, für Menschen mit geringem Einkommen. Thema Rente. Mein Gesprächspartner: Lars Niggemeyer vom DGB. Es geht aber hauptsächlich darum, dass die Besucherinnen des ka:punkt zu Wort kommen, unsere Gesprächsreihe „Politik-Talk“ will durch Beteiligung gegen Politikverdrossenheit intervenieren. Was auch ganz gut klappt, es kommen regelmäßig ca. 60 Leute und diskutieren sehr munter mit. Wir dokumentieren sowas auch immer, siehe Foto oben, vom besten Praktikanten der Welt. Das Kreuz über meinem Kopf irritiert mich aber schon etwas. Ganz abgesehen von der Frage, ob öffentlich zur Schau gestellte Extrem-Bondage-Techniken wie eine Kreuzigung nicht Schaden an kindlichen Gemütern nehmen können, halte ich das Prinzip „Glauben“ nicht gerade für eine herausragende Errungenschaft der Aufklärung. Als ehemaliger Messdiener weiß ich, wovon ich schreibe. Nun ist es aber mit dem Glauben so, dass selbst die beinhärteste Atheistin eben nicht genau weiß, ob es nicht doch ein – oder mehrere – höheres Wesen gibt, das so viele verehren.
Ich halte mir die Hintertür zum Paradies jedenfalls sicherheitshalber auf durch Führung eines überwiegend Göttingefälligen Lebens, sieht man mal von der Einhaltung der 10 Gebote ab. Und bei dem Foto oben kamen mir schon Zweifel, ob das nicht ein Wink des Himmels ist: Tu Buße. Oder dergleichen.
Zuhause angekommen, war ich ziemlich platt. Die Tage sind kurz, aber hart und prall gefüllt mit Arbeit. Die Veranstaltung vom Vortag steckte mir noch in den Knochen, wo ich als Teilnehmer eines Podiums über bezahlbares Wohnen mit Bauminister Olaf Lies und anderen Koryphäen vor 500 Teilnehmerinnen lichtvoll meine Expertise ausbreiten sollte, infolge Einsteigens in den falschen Zug die Veranstaltung aber verspätet erreichte, in dem Moment, wo der hiesige Ministerpräsident Weil seine machtvollen Begrüßungsworte in den Saal goß.
Und das mir, für den Zuspätkommen seit Jahrzehnten keine Option ist. Ich hatte kurzfristig überlegt, ob ich Harakiri begehen sollte statt das Podium zu entern, aber mangels Samurai-Schwert und wegen zahlreicher ausstehender Termine davon abgesehen.
Ich lechzte nach dem ka:punkt also nach einem kühlen Wermut, im Moment mein absolutes Lieblingsgetränk. An der Ampel vor meiner Homebase herrschte Finsternis. Im Treppenhaus: Finsternis. Im Flur: Finsternis.

Siehe, es ward Finsternis im Lande respektive in meiner ganzen Butze. Kein Licht ging, keine Heizung, kein PC. Nichts. Stromausfall. Ein eiskaltes Händchen der Panik griff an mein Herz. Ich stürzte an den Kühlschrank und tatsächlich: Der Wermut hatte mindestens 13,5 Grad. Ein Wermut über 12 Grad ist aber Spülwasser, Desinfektionsmittel, was auch immer, aber keinesfalls genießbar.
Ich brach weinend am Küchentisch zusammen und wandte mich flehend gen Himmel: „Oh Göttin, womit willst Du mich noch heimsuchen?“
Nach 30 Minuten ging der Strom wieder. Ich aber hatte Armageddon ins Auge geschaut.
Was bleibt sonst noch von dem Tag? Die Bemerkung eines Teilnehmers im ka:punkt angesichts der wesentlich sozialeren Renten-Situation in Österreich:
„Wir sind in allem Weltmeister, aber allen anderen geht’s besser als uns.“
Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.

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