28.11.2018 – Was ist das gute Leben?


Clemens Basilika, beim Lichtkunstfestival „Hannover leuchtet“. Aus Berlin importiert, woher sonst, aber legitim. Nett anzusehen, man sieht die eigene Stadt in einem anderen Licht, eine Perspektive, die auch für das andere, das eigene Leben nie schaden kann. Schön fand ich bei der Clemens Basilika, der einzigen Kirche in ganz Norddeutschland mit komplett italienischer Architektur, die Barockputten. Keine coole Kunst in der Lichtinstallation, die sich an die Postmoderne ranwanzt, sondern was herzerwärmendes in dekonstruierten Zeiten. Außerdem war ich in der Kirche Messdiener, da kommen Erinnerungen hoch: Introibo ad altare dei …
Heute bin ich Heide, aber meine Wurzeln lassen sich nicht verleugnen.
Dass Fußballstadien die Basiliken der Neuzeit sind, ist weiß Göttin keine Erfindung von mir

Olympiastadion Berlin, erbaut zur Olympiade 1936. Fußball ist neben Kultur und Religion eine der letzten großen Erzählungen, die unserer Gesellschaft noch verbindet, narrativer Kitt sozusagen. Fußball ist auch Ersatzreligion, Anhänger beider Kulturen sind mitunter fanatisch, fasziniert von Ritualen, Gesängen, Inszenierungen, die Gemeinde trifft sich zu festlegten Zeiten, in der Kirche, im Stadion, in der Kneipe, der Verstand setzt aus (so überhaupt vorhanden), Idole werden angebetet, idealisiert, Kreuzzüge gegen den jeweiligen Gegner imaginiert, oft auch in Hooligan Gewalt umgesetzt. Gruselig fand ich die Reaktion des örtlichen Plebs, als ein bekannter Torwart von Hannover 96 sich wegen Depressionen umbrachte. Tausende trauerten echt, trafen sich vor dem Stadion, trugen sich in Kondolenzbücher ein, ich glaube, es gab sogar eine Trauerfeier im Stadion. Es war so wie bei Hindenburgs Beerdigung. Die Leute waren traurig, obwohl sie den Torwart überhaupt nicht kannten, höchstens irgendwelches Medienblabla über ihn.
Nun kann man sich über solche armen Würste mokieren. Das verkennt aber die Funktion solcher Torwarte und der Trauer der Menschen. An die Geschichte, dass Jesus übers Wasser ging, muss man glauben, dann wird sie real, und dann wird aus Jesus, dem Torwart und dem Plebs die Erzählung, die den Laden hier zusammenhält. Die Feststellung von Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, prallt am toten Torwart ab. Die Frage ist, was ist das gute Leben.
Die Antwort darauf, liebe Leserinnen, gibt es im nächsten Blogeintrag. Ich muss aufs Radl, bei minus vier Grad. DAS ist das falsche Leben.
Echt jetzt.

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