19.12.2018 – Positiv denken!


Hoch die internationale Solidarität! Wermut aus einer mallorquinischen Cooperativa, Wein aus Israel und Rum aus Cuba. Mein weihnachtlicher Gabentisch, die drei schönsten Geschenke, die ich mir selber machen werde. Ich freu mich jetzt schon auf die Überraschung. Die nächsten Lektionen in Sachen „Genuss – aber mit links“ sind: „Bombenstimmung beim Saufen für den Frieden“ und „Unverpackt aus der Region: Ökologisches Kiffen“.
Sie sehen, liebe Leserinnen, ich bin Teil der Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme, kritisch, aber konstruktiv, praktisch, aber durchdacht, solidarisch, aber genussorientiert, kurz: Ein Vorbild an positivem Denken!
Wenn es eine Floskel gibt, die unsere Gesellschaft beschreibt und bei der ich sofort Hirn-Diarrhö kriege, dann ist es: Positiv denken. (Gefolgt von carpe diem). Positiv denken hat bei Google 27.300.000 Fundstellen und das ist nur der Gipfel eines Scheißberges, der für kollektive Verdrängung, massenhafte Denkfaulheit und allumfassende Kapitulation vor dem Angriff des Kapitals auf die Autonomie der Subjekte steht. Offensichtlich sind die Insassen unseres Staates von den Zumutungen des gesellschaftlichen Wandels so überfordert, dass sie neben Drogen, Psychopharmaka, Alkohol, Esoterik etc. pp. auch für jeden Schritt ihres Lebensweges einen Ratgeber brauchen, eine Lebenshilfe, eine Anleitung. Und damit sie bloß nicht auf dumme, nämliche kritische, anarchistische, zersetzende, zerstörerische Gedanken kommen, was die gegebenen Verhältnisse vielleicht mal zum Tanzen bringen würde, hämmert man ihnen 27.300.000fach in den Hohlraum ihres Hirnes den Gedanken:
Positiv denken!
Du steckst bis über die Ohren in Scheiße? Positiv denken.
Heißt übersetzt: Du bist selbst schuld. Es liegt nur an Dir, an Deinem Denken, Du bist Deines Glückes Gedankenschmied. Selbstverständlich ist da das Scheitern vorprogrammiert, denn selbst Klippschüler wissen aus dem Grundkurs Materialismus: Das Schwein bestimmt das Bewusstsein.
Es sind also die herrschenden Verhältnisse, in denen die Pigs das Sagen haben, die den Menschen so zurichten, dass er noch begeistert mit seinen Ketten in dem Rhythmus klappert, den ihm die Verblödungsindustrie vorgibt. Das Scheitern des positiven Denkens ist vorprogrammiert, der nächste Ratgeber fällig: Sei achtsam mit Dir selbst!
Jenseits der individuellen Kapitulation, die dem Diktum des „Positiv denken“ eingeschrieben ist, stellt sich mir die Frage, wann der Zeitpunkt kommt, an dem ein grundsätzliches, kritisches, negatives Denken mehr werden sollte, also weg von der Utopie, die zur Zeit noch von vielen linken, kritischen Geistern gefordert wird, hin zur Dystopie.
Wir Linke mühen uns – zumindest gedanklich – unter anderem um die Einhaltung der Klimaziele, Pariser Abkommen, Zwei Grad Erwärmung einhalten, welche praktischen Maßnahmen erfordert das und wie muss sich individuelles und kollektives Denken und Handeln darauf einstellen. Was, wenn dieses Denken aber angesichts der sich abzeichnenden Katastrophe in Überforderung, Frustration, Resignation mündet? Wäre es nicht auch aus philosophischer Sicht irgendwann sinnvoller, die Katastrophe zu antizipieren? Die Küstenregionen werden überflutet, Hunderte Millionen Klimaflüchtlinge, hierzulande jeden Sommer tausende Tote bei dauerhaft über 40 Grad, Versteppung von Mecklenburg-Vorpommern (um mal was Positives anzuführen), usw. usf …
Welche praktischen und ethischen Fragen ergeben sich daraus?
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, fröhliche Weihnachtseinkäufe, auf das der SUV voll werde.

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