28.12.2018 – Auf die Fresse


Organisationsanweisung für Streikposten. Beim Aufräumen gefunden.
Für jeden neuen Ordner, den ich anlegen muss, fliegt ein alter raus. Papier ist sowas von 20. Jahrhundert, ich brauch’s auf der Toilette, aber nicht beim Arbeiten, und so kommt ein Ordnerwechsel sehr selten vor. Wenn doch, stehe ich immer vor der schweren Wahl: Wer fliegt raus? Dieses Mal hat es den Ordner „Gewerkschaften etc.“ erwischt. Die sind zwar auch sowas von 20. Jahrhundert, werden aber im Gegensatz zu Papier auf dem Schreibtisch auch im 21. Jahrhundert gebraucht. Und deshalb flöhte ich den Altordner gründlich auf wichtiges Archivmaterial. Wie meine Streikpostenbibel, siehe oben. Das Büchlein hat mich daran erinnert, dass ich auch mal Streikposten war. Ich habe lange Jahre als Angestellter im Maschinenbau gearbeitet, war als solcher natürlich auch Mitglied der IG Metall, hab Betriebsrats- und Vertrauensleutearbeit gemacht, später auch gewerkschaftliche Bildungsarbeit und so war es selbstverständlich für mich, dass ich aktiv an der Auseinandersetzung um die Einführung der 35-Stunden-Woche beteiligt war. Als Streikposten. Der Konflikt war nach dem um die Einführung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall der härteste, den es überhaupt in der Klassenkonfrontation zwischen Arbeit und Kapital in der Nachkriegszeit gab.
Da wir in Deutschland sind, muss alles korrekt zugehen, selbst der Umgang mit Streikbrechern. Bei einer Unterweisung von Streikposten stellte der verantwortliche hauptamtliche IG Metall Kazike die Frage: „Wie gehen wir mit Streikbrechern um?“ Meine Antwort:
„Wir hauen ihnen auf die Fresse.“
Diese Antwort verschaffte mir nicht nur in keinster Weise den Ruf eines „working class hero“, sie trug neben sehr vielen anderen Vorfällen nachhaltig dazu bei, dass große Teile der hannöverschen Metall-Arbeiterklasse mich als Kommunisten, subversives Element, Chaoten, kurz, als all das betrachteten, was es innergewerkschaftlich auszumerzen galt. Der Gipfel war die IG Metall Einordnung des gewerkschaftlichen Flügels meiner damals hochaktiven Künstlervereinigung SCHUPPEN 68 als, wortwörtliches Zitat (!): „Das ist ein bunter Haufen!“
Das ist für IG Metaller ein Todesurteil und in der Folge kam es mehrfach bei 1. Mai Feiern bei unseren Aktionen, bei denen wir unter anderem 68 % mehr Lohn forderten, beinahe zu Schlägereien mit Alt- und Alkmetallern, die dann schon mehr als Kaffee intus hatten.

Vollkommen berechtigte Forderungen des gewerkschaftlichen Flügels des SCHUPPEN 68 beim 1. Mai-Marsch 1993.
Die Zeit damals hat mir eine eherne Konflikthärte beigebracht.
Zumindest bei der Arbeit. Schlimmer als auf den 1. Mai Veranstaltungen bei der IG Metall kann es nie wieder werden.
Nichtsdestotrotz bleibe ich bei dem Haufen ‚til the end of the days.
Spätestens wenn es infolge von Industrie 4.0, Digitalisierung, extremer Rationalisierungsschübe etc. darum gehen wird, die verschwindende Erwerbsarbeit so zu verteilen (in Richtung 28-Stunden-Woche, flächendeckend für alle und ohne vollen Lohnausgleich) , dass der Laden hier nicht völlig abkackt, wird man auf die Erfahrungen des Klassenkampfes im Rahmen der Einführung der 35-Stunden Woche zurückgreifen müssen. Inklusive Streikpostenbibel. Mit einem Unterschied. Mein Angebot: „Wir hauen ihnen auf die Fresse“ halte ich nicht mehr aufrecht.
Ich bin dann wandern.

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