31.12.2018 – Früher hätte ich noch eine Flasche Sekt entkorkt


Fünf Spalten in der Süddeutschen über meine Arbeit (die immer die Arbeit eines bunten und vielfältigen Teams ist), dazu noch ein guter Artikel, der Inhalt und Duktus der gemeinsamen Gespräche treffend wiedergibt. Der Autor hatte eine Eigenschaft, die ich für ein selten werdendes Gut halte und die für gute Journalisten unabdingbar ist: Er war offen, lernbereit und besaß ein gutes Maß an Empathie. Am gleichen Tag kam das Straßen-Magazin Asphalt auf den Markt, ebenfalls umfangreicher Artikel mit Bild.

Asphalt 01/2019.
Keine 24 Stunden später brachte die Braunschweiger Zeitung die wesentlichen Punkte der Kritik der Landesarmutskonferenz an der Erhöhung von Hartz IV ab 01.01.2019 um lächerliche 8 Euro, also weniger als einen Ausgleich für die Inflationsrate. Wobei die Kritik an Hartz-IV sich letztlich in einen Satz komprimieren lässt: Weg damit.
Die bürgerlichen Medien sind mit einer – zumal strukturellen – Berichterstattung über Armut und die Spaltung unserer Gesellschaft zwischen Arm und Reich eher zögerlich. Der Boulevard wie „Bild“ und „rtl“ ist da mehr denunziatorisch unterwegs, indem er einzelne „Sozialschmarotzer“ vor laufender Kamera niedermacht, der Mainstream ist tendenziell an berührenden Einzelfällen interessiert, gerne in Verbindung mit dem unsäglichen vorweihnachtlichen Charity-Gespreize der „besseren“ Kreise. Das macht Öffentlichkeitsarbeit nicht gerade leicht und insofern hätte mich ein derartiger Dreifach-Coup wie der hier Dokumentierte früher allein aus professioneller Sicht dazu veranlasst, einen excellenten deutschen Winzersekt zu köpfen. Aber wie der jodelnde Jammerbarde Dylan einstmals so unschön aphon in die Mikros dilettierte: The times they are a changing.
Veränderungen aller Orten, das macht vor einem selbst nicht halt. Natürlich habe ich mich gefreut. Aber den Sekt hebe ich mir für andere Gelegenheiten auf. Ich werde das, was ich hier mache, nicht ewig machen, ebenso wenig wie ich selbst vermutlich nicht ewig auf diesem Planeten lustwandeln werde. Die Dinge, die es noch zu tun gilt, sollten getan werden. Jetzt, und nicht: Später. So verändern sich die Prioritäten, siehe Sekt-Korken.
Von daher besteht der Schwerpunkt meiner Jahreskalkulation darin, für Januar Urlaub in der Sonne zu planen und mir verzweifelt Terminkorridore freizuhalten für jenen Ort, wo die Musik, und nicht nur die, spielt: Berlin
Und natürlich jede Menge Dinge jenseits des Mainstreams zu machen, zum Beispiel wieder viele Postkarten schreiben. Wie die hier des geschätzten Freundes und Kollegen Sievers, dem König des Limericks und Titan der Kreativität, die unlängst meinen Postkasten kontaminierte.

So wird der Drops gelutscht. Das ist doch eine ganz andere Nummer als ne Whatsapp.
Charmanten Rutsch, liebe Leserinnen

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