10.01.2019 – Einweisung wegen Größenwahn


Gott grüß die Kunst. Mach ich, wenn ich sie seh.
„Gott grüß die Kunst“ ist ein alter Gruß der Buchdrucker, der Mitglieder der „schwarzen Kunst“. Gesehen am Redaktionsgebäude der Neuen Deister-Zeitung, wo die Zeitung früher auch gedruckt wurde. Die Drucker und ihre Gewerkschaften waren früher die linke und intellektuelle Speerspitze der Arbeiterbewegung, weil sie als erste und intensiv mit Druckerzeugnissen in Berührung kamen.
Ich hatte gestern ein Pressegespräch bei der Neuen Deister-Zeitung. Bei Pressegesprächen, das liegt in der Natur der Sache, rede normalerweise überwiegend ich. Daher schätze ich solche Termine überaus, im Gegensatz zu Mitgliederversammlungen, Podiumsdiskussionen etc. , wo auch andere zu Wort kommen, was ich für überflüssig und für Zeitverschwendung halte. Ich habe schon überlegt, mal bei einer Einladung zu einer Podiumsdiskussion zu antworten: „Ich komme sehr gerne, aber nur wenn das Podium ausschließlich aus mir besteht.“ Ich habe davon abgesehen, weil ich vermeiden möchte, dass man mich in eine Klapsmühle einweist wegen Größenwahn. Dabei bin ich ein ganz normaler Mann. Nur ehrlicher als der Rest.
Das Gespräch bei der Zeitung war sehr angenehm, der Redakteur schien der Sache zugewandt und vom feeling her habe ich ein gutes Gefühl. Da mich interessierte, ob die Neue Deister-Zeitung unabhängig ist (ist sie) oder dem hiesigen Madsack Konzern gehört, hatte ich vorab Wikipedia aufgesucht und dort folgende Zeilen gelesen:
Der Nationalsozialismus bedeutete für die Neue Deister-Zeitung rasantes Wachstum. Die Auflage stieg von 3000 Exemplaren 1934 auf 4000 Exemplare im Jahr 1939. Ein Erscheinungsverbot bekam die Zeitung anders als viele andere nicht auferlegt, sondern musste erst 1943 aus kriegsbedingten Gründen schließen.“
Das Wachstum war rasant, es ging voran, es war eben nicht alles schlecht, was die Nazis machten. Nur das mit den Autobahnen, das war ein Fehler.
Mein progressiver Alltag wird also durchaus des Öfteren eingetrübt und am liebsten würde ich stante pede meine Siebensachen packen und sofort ans Mittelmeer düsen. Schließlich heißt es in der Hymne der Arbeiterbewegung: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder, zum Lichte empor“. Es heißt nicht: „… Brüder, zur feuchtkalten, tranfunzeligen Trübdüsternis hiesiger Breitengrade hernieder“.
Die Sonne ist also eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für die Autonomie des Subjektes, die Befreiung von Macht und Herrschaft, ergo: die Freiheit! Das sage ich hier und heute als jemand, den die Arbeiterbewegung fest an ihrer Seite weiß, gestern, heute und morgen!
Aber nicht am 23.01! Da will ich in den Süden fliegen. Und da sind die nächsten Tarifverhandlungen des Wachpersonals an Flughäfen und so wie ich meine Pappenheimerinnen kennen, werden die unter mächtigem Getöse mittels Warnstreiks die Verhandlungen instrumentieren und den ganzen Flugverkehr lahmlegen und ich hänge dann jahrelang auf dem Flughafen Tegel ab. Gewerkschaften, wer hat die bloß erfunden?! Die sollte man verbieten! Und überhaupt: „Brüder, zur Sonne …“.
Was ist denn das für eine Horrorvorstellung, mit lauter Brüdern im Süden abzuhängen! Männer, die einem mit ihrer aufgeblasenen Eitelkeit und ihrem Größenwahn sowas von auf die Eier gehen. Ich geh packen.
Schönen Tag noch, liebe Schwestern.

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