18.01.2019 – Gut, dass bei uns das Kapital regiert


Städtebauplanung in den 50ern. Eine der vielen informativen Schautafeln im Friedrichshain-Kreuzberg Museum. Wer verstehen will, wieso die Wohnungsproblematik in vielen urbanen Regionen und darüber hinaus die große aktuelle soziale Frage schlechthin ist, findet hier tolles Anschauungsmaterial. Städtebau bewegt sich in Zyklen. Der auf der Schautafel Abgebildete wurde in den alternativen 60/70er Jahren abgelöst von einer Utopie der Verbindung von Kieznahem Leben und Arbeiten in einem Zusammenhang, parallel begleitet von heute noch überall sichtbaren Mainstream-Relikten und Ruinen der Großwohnlagen, von Cities in der City, in denen sich Wohnen und Konsum auf einer Großfläche durchmischen sollten. Über allem schwebt unausrottbar Spießers Traum vom eigenen Häuschen im Grünen, Yuppies Drang in die Szenelofts, wachsende Segregation und Gentrifizierung inclusive explodierender Wohnungslosigkeit und am Ende, alles überstrahlend mein Dank an mich selbst, wenigstens einmal in meinem Leben was richtig gemacht zu haben und mir vor Jahrhunderten ne eigene Butze gekauft zu haben. Wo ich nach einem möglichen Atomschlag – die Atomkriegsuhr steht auf 2 vor 12, schlimmer stand sie noch nie https://de.wikipedia.org/wiki/Atomkriegsuhr – sogar Subsistenzwirtschaft betreiben kann, Hühner halten und Kartoffeln anbauen (wobei es in meinem Fall auf Marihuana hinausläuft). Individuell bin ich also guter Dinge, aber als kollektiv denkender und fühlender Homo Politicus bin ich angesichts der Verhältnisse auf einer Dauerpalme und laufe angesichts wachsender gesellschaftlicher Verrohung und Idiotie sowie staatlicher Unfähigkeit, ideologischer Fixierung und pathologischer Verdrängung von Realitäten mit einer permanenten Hasskappe rum. Man kann ja angesichts des Zustandes von Staat und Gesellschaft nur froh sein, dass bei uns das Kapital regiert. Natürlich nicht so, wie sich das Verschwörungstheoretische linke und rechte Kasperköpfe vorstellen, dass in Davos und auf der Bilderbergkonferenz ein paar Leute (Freimaurer und Juden) bestimmen, wo es lang geht und hinterher Angela Merkel am Telefon diesbezügl. einnorden.
Es ist viel einfacher. Das Gift des Neoliberalismus mit seinem Mantra „ Der Markt ist gut und richtet alles, der Staat ist böse und hemmt den Fortschritt“ hat sich in den letzten 30 Jahren in alle Hirne gefressen, bis hinunter zu Politprovinzdackeln, subalternen Behördenchargen, Pommesbuden-Besitzern und Sachbearbeiterinnen, die im permanenten Selbstoptimierungswahn noch auf dem Totenbett vor sich hin röcheln:
„Chakka! Ich schaffe es. Ich habe mein Steuer selbst in der Hand“.
Da sei das Kapital vor, das zumindest im Sinne des eigenen Geschäftsmodells eisern drauf achtet, dass die Kriege nicht zu sehr ausufern, faschistoide Nationalismen nicht zu überhandnehmen und Riots nicht allzu sehr die just-in-time Produktionsketten hemmen.
Soweit sind wir schon, dass das Kapital die letzte Ausfahrt Hoffnung bildet. Sonniges Wochenende, liebe Leserinnen.

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